Abdi aus Somalia

Mein Name ist Abdi, ich bin 30 Jahre alt und lebe seit 9 Jahren in Biel. Ich bin getrennt von meiner Familie. Ich habe 3 Kinder. Ich sehe sie alle 2 Wochen.

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Mogadischu aufgewachsen, mit 4 Schwestern. Ich war der einzige Sohn. Meine Eltern waren Bauern und hatten viele Bananen-, Mango- und Papayabäume. Sie verkauften die Früchte auf dem Markt. Wir hatten auch Kühe und Ziegen. Die Milch und die neugeborenen Tiere verkauften wir ebenfalls. Meine Schwestern mussten sehr viel im Haus und im Garten mitarbeiten. Ich nicht – ich durfte spielen. Meine Schwestern waren manchmal deswegen böse auf mich. Doch sie liebten mich auch und waren stolz, einen schönen kleinen Bruder zu haben. Ich war ihr Prinz.

Ich spielte oft mit den anderen Knaben und wollte dann ihr Anführer sein. Da gab es natürlich Streit. Wenn die anderen nicht das taten, was ich wollte, schlug ich auch schon einmal zu. Wenn dann die anderen Kinder nicht mehr mit mir spielen wollten, bin ich weinend zu meiner ältesten Schwester gerannt. Diese meinte nur: «Du findest keine Freunde, wenn du so egoistisch bist!». Ich habe für mich alleine aus Holz oder Metall Fahrzeuge gebastelt. Ich war sehr geschickt mit meinen Händen und hatte viele Ideen im Kopf! Dann habe ich die Fahrzeuge den Knaben gezeigt, und wir haben uns wieder versöhnt.

Meine 2 grossen Schwestern durften nicht zur Schule gehen. Sie mussten zu Hause helfen. Ich und die 2 anderen Schwestern haben dagegen die Schule besucht. Ich hatte eine schöne Uniform! Der Lehrer war streng und schlug mich, wenn ich nicht gehorchte. Ich war böse auf den Lehrer, habe ihn oft geärgert und die Hausaufgaben nicht gemacht. Ich habe lieber mit anderen Knaben Fussball gespielt oder gefährliche Sachen gemacht. Wir haben Steine auf die Häuser geworfen und einmal ein kleines Mädchen verletzt. Wir waren wild und sehr dumm. 

ann ist der Krieg gekommen. Wir sind zu meinen Grosseltern aufs Land gezogen. Dort bin ich nicht mehr zur Schule gegangen. Ich war froh. Ich musste jetzt aber viel helfen und immer Wasser und Holz holen. Das war ziemlich anstrengend. Meine Grossmutter hat mich ausgelacht und gesagt, ich sei ein verwöhntes Kind. Es hat viel Streit gegeben. Die Erwachsenen hatten grosse Sorgen und keine Zeit für mich. Ich war froh um meine grosse Schwester. Sie hat viel mit mir gesprochen und mir alles erklärt, was ich nicht verstehen konnte. Das Leben war langweilig im Dorf. Ich habe oft an unser Dorf gedacht und wie es dort wohl aussieht.

Als ich älter wurde, drohte ich manchmal, zu den Rebellen zu gehen. Doch mit 18 Jahren bin ich nach Kenia gegangen. Meine Verwandtschaft hatte Kühe verkauft und mir die Flucht bezahlt. Im Flüchtlingslager bin ich nochmals zur Schule gegangen. Dort habe ich meine Frau kennengelernt. Sie war auch aus Somalia. Wir sind später in die Schweiz geflohen und haben hier Asyl erhalten. Als die Kinder da waren, hatten wir immer Probleme. Meine Frau war müde, weil sie auch noch Büros putzte. Sie meinte: «Du musst mir mehr helfen im Haushalt und mit den Kindern!» Wir stritten viel und haben uns dann getrennt. Jetzt lebe ich das erste Mal in meinem Leben alleine. Ich muss kochen, waschen und putzen. Ich will, dass es schön ist, wenn meine Kinder auf Besuch kommen.

Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie nicht so verwöhnt aufwachsen wie ich und bereit sind, immer zu lernen.


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