Aisha aus Marokko

Mein Name ist Aisha. Ich bin 32 Jahre alt und lebe in Basel. Ich bin geschieden und habe eine kleine Tochter.

Ich bin in Casablanca mit einer Schwester und 3 Brüdern aufgewachsen. Wir lebten am Stadtrand. Die Wohnung war eng, und es hatte keinen Ort, wo ich allein sein konnte. Ich wünschte mir so sehr ein eigenes Zimmer! Wir Kinder haben oft gestritten. Meine Mutter war immer müde. Sie sagte, dass wir sie müde machten. Meine älteren Brüder waren ziemlich streng zu uns Mädchen. Sie befahlen uns, ihre Kleider zu waschen oder etwas für sie zu erledigen. Wir durften auch nur fernsehen, wenn wir vorher gefragt hatten. Mein ältester Bruder ist später zur Polizei gegangen und hat nicht mehr bei uns gewohnt. Ich war froh, denn er hat oft getrunken und mich auch geschlagen.

Mein Vater hatte ein kleines Lebensmittelgeschäft im Zentrum von Casablanca. Meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater war vor allem im Geschäft – auch am Wochenende – oder im Café. Er ist nur zum Schlafen nach Hause gekommen. Ich habe wenig mit ihm gesprochen. Ich glaube, er hat mich gar nicht bemerkt.

Im Sommer hatten wir manchmal Besuch von Verwandten. Sie wollten ans Meer. Dann sind wir alle mit einem Taxi an den Strand gefahren. Wir haben Ball gespielt, Burgen gebaut und ein Picknick gemacht. Manchmal sind wir bis zum Bauch ins Wasser gegangen, obwohl wir alle nicht schwimmen konnten. Das waren glückliche Zeiten!

Ich hatte eine Freundin. Yasmine hatte keine Geschwister, und in ihrer Wohnung gab es viel Platz. Wenn meine Brüder es nicht merkten, ging ich zu ihr. Es war ruhig dort. Ihre Eltern waren auf der Arbeit. Anstatt Hausaufgaben zu machen, hörten wir Musik und tanzten vor dem Spiegel. Wir haben auch viel Fernsehen geschaut, obwohl das verboten war.

Ich bin 6 Jahre in die Primarschule gegangen. Ich war keine gute Schülerin und musste sogar zweimal die Klasse wiederholen. Ich wollte so gerne Krankenschwester werden und eine weisse Uniform tragen. Zuhause konnte ich nicht lernen, ich hatte keinen Platz und keine Ruhe. Niemand hat mir geholfen. Meine Mutter konnte nicht lesen und schreiben. Manchmal bin ich zu meiner Nachbarin gegangen. Sie war nett und ich habe gerne mit ihr gesprochen. Doch sie konnte mir bei den Hausaufgaben auch nicht helfen. Mit 13 Jahren habe ich die Schule verlassen. Meine Mutter war enttäuscht, hat aber nichts gesagt. Ich habe 2 Jahre lang Arbeit gesucht.

Dann habe ich in einem Haushalt gearbeitet: waschen, putzen, einkaufen. Das hat mir gut gefallen. Die Familie war freundlich zu mir. Sie haben einander respektiert und nie gestritten. Im Sommer ist der Bruder der Madame mit seiner Familie aus Frankreich gekommen. Seine Frau mochte mich gut leiden. Sie hat gesagt, ich solle sie besuchen, und hat mir auch ein bisschen Geld für den Flug gegeben. Ich habe dann lange gespart.

Als ich 18 Jahre alt war, bin ich für 3 Monate nach Frankreich gegangen. Das war toll. Ich habe dort einen Schweizer kennengelernt, der mit der Familie befreundet war. Wir haben bald geheiratet, und ich bin zu ihm in die Schweiz gezogen.

Wir haben ein kleines Mädchen bekommen. Ich habe sie Samira genannt. Die Ehe hat nicht funktioniert. Wir waren zu verschieden. Mein Mann hat uns dann verlassen. Er sieht Samira fast nie. Das ist traurig. Ich bin alleine und arbeite am Flughafen in der Reinigung.

Ich wünsche mir für mein kleines Mädchen einen neuen Papa, der stolz auf sie ist und sie liebt.


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