Akosua aus Ghana

Ich heisse Akosua, bin 31 Jahre alt und lebe seit 9 Jahren in Winterthur. Ich bin mit einem Schweizer verheiratet und habe eine Tochter.

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Accra aufgewachsen, mit 5 Brüdern und 4 Schwestern. Meine Schwestern und ich mussten schon als kleine Mädchen bei allen Hausarbeiten helfen: putzen, kochen, Kleider waschen. Wir hatten am Tag sehr wenig Zeit zum Spielen. Aber am Abend sind wir alle zusammengesessen und haben uns Geschichten und Witze erzählt. Das war schön und lustig.

Meine Eltern sind Bauern. Fast alles, was wir gegessen haben, ist auf unserem Boden gewachsen. Die Mutter arbeitete auf dem Feld. Sie war auch verantwortlich für uns Kinder und das Essen. Alle Kinder mussten helfen beim Säen, Jäten, Ernten oder Holzsammeln. Maniok, Mais, Chili und Bananen verkaufte meine Mutter auf dem Markt. Vater wollte, dass die Mutter das ganze Geld am Ende des Markttages abgibt. Sie hat aber immer heimlich ein paar Münzen für sich behalten und manchmal für uns etwas gekauft. Sie war so lieb! Sobald wir Kinder grösser waren, haben wir auf der Strasse Wasser verkauft und so auch ein bisschen Geld für unsere grosse Familie verdient.

Meine beste Freundin war meine Cousine. Sie war gleich alt wie ich und hat uns gegenüber gewohnt. Wir sind zusammen in die Schule gegangen, haben einander im Haushalt geholfen, manchmal Seilhüpfen gespielt oder uns Geschichten erzählt. Einmal haben wir eine alte Puppe gefunden. Wir haben sie wieder schön gemacht, und sie durfte eine Zeit lang bei mir sein und eine Zeit lang bei meiner Cousine.

Ich bin 5 Jahre zur Schule gegangen. Meine Eltern konnten weder lesen noch schreiben. Sie waren stolz, dass wir alle einige Jahre die Schule besuchen konnten. Ich bin immer gern zur Schule gegangen. Meine Schuluniform war schön, aber teuer. Und wir waren ja so viele Kinder in meiner Familie! Ich konnte schön schreiben. Einmal hat mich der Lehrer vor der ganzen Klasse gelobt. Da war ich sehr stolz. In der Schule war es wichtig, dass unsere Fingernägel, Zähne und Kleider sauber waren. Ich hatte immer Angst, dass der Lehrer bei mir reklamieren würde. Er hat aber nie etwas gesagt! Wir mussten auch helfen, die Schule zu putzen. Doch das war ich ja von zu Hause gewohnt.

Ich hatte eine Tante, die mit ihrem reichen Mann und ihren 5 Kindern in einer Villa in der Stadt wohnte. Sie hatten sogar Dienstboten! Als ich die Schule beendet hatte, durfte ich sie besuchen. Ich musste lange mit dem Bus fahren. Meine wenigen Kleider waren in einem Plastiksack verpackt. Meine Tante hat das gesehen und nichts gesagt. Einige Tage später hat sie mir eine Reisetasche geschenkt und viele Kleider. Das habe ich nie vergessen! Ich fühlte mich wie eine grosse Dame, als ich einige Wochen später in mein Dorf zurückging. Danach habe ich immer davon geträumt, wieder in einer Stadt zu leben und wenig zu arbeiten.

Mit 17 habe ich einen Schweizer kennengelernt. Er hat in Accra als Techniker für eine grosse Firma gearbeitet. Er ist zufällig auf den Markt gekommen, auf dem ich Früchte und Gemüse verkaufte. Er ist immer wieder gekommen. Wir haben uns besser kennengelernt. Nach 2 Jahren war ich bereit, mit ihm in die Schweiz zu gehen. In der Schweiz ist dann unsere Tochter geboren. Sie muss zu Hause nicht viel arbeiten. Sie soll Zeit zum Spielen haben. Ich wünsche mir für sie eine gute Schulausbildung und eine gute Zukunft. Ich bezahle auch für Nachhilfestunden in den Fächern, in denen sie Mühe hat.


Lesetext (PDF)
Bildporträt gross (PDF)