Alicia aus Kolumbien

Mein Name ist Alicia, ich bin 29 Jahre alt und lebe seit 3 Jahren in Olten. Ich habe 2 Kinder. Der Sohn ist 5 und das Mädchen ist 2 Jahre alt.

Ich bin am Meer aufgewachsen – in der Nähe von Cartagena. Unsere Familie lebte in einem kleinen Holzhaus in einem Fischerdorf. Ich habe 5 Schwestern und 2 grosse Brüder. Ich bin das drittälteste Mädchen. Wir Schwestern mussten sehr viel im Haus arbeiten. Manchmal haben wir uns deshalb gewehrt. Genützt hat es nicht viel. Wenn wir stritten oder nicht gehorchten, mussten wir zur Strafe mit nackten Beinen auf Mais knien. Das hat derart wehgetan, dass ich weinen musste!

Meine Grosseltern lebten zusammen mit uns. Der Grossvater wollte, dass wir jeden Abend beten. Im Dorf war eine kleine Kapelle. Wir mussten mit ihm auch zum Gottesdienst gehen. Als wir älter waren, haben wir rebelliert und sind einfach davongerannt. Meine Eltern waren immer mit ihrer Arbeit beschäftigt. Sie haben nicht mitbekommen, wenn der Grossvater schimpfte. Meine Grossmutter hat uns Mädchen jeden Tag die Haare gekämmt und die schönsten Zöpfe geflochten. Sie konnte aber auch böse werden, wenn wir nicht gehorchten. Dann hat sie uns mit dem Gürtel geschlagen.

Meine Mutter war sehr fleissig. Sie hatte ein kleines Geschäft für Lebensmittel. Zudem hat sie für andere Leute im Dorf genäht. Mein Vater ging mit meinen ältesten Brüdern früh am Morgen fischen. Wir hatten ein wunderschönes Holzboot. Als ich 8 Jahre alt war, haben wir im Haus Elektrizität bekommen. Dann haben wir einen Fernseher gekauft, und es wurde noch lauter bei uns!

3 Jahre später haben meine beiden grossen Schwestern im gleichen Jahr ein Baby bekommen und weiter mit uns gelebt. Es wurde noch enger im Haus, und es gab noch mehr Streit. Ich aber war sehr glücklich. Ich durfte die kleinen Mädchen baden, füttern und sie in den Schlaf singen. In meiner Fantasie war ich ihre Mama und sie meine Kinder!

Wir sind alle 6 Jahre zur Schule gegangen. Den Stoff für die Uniform haben wir von unseren Patentanten zu Weihnachten bekommen. Meine Mutter hat alle Uniformen genäht. Ich war eine gute Schülerin. Mich hat einfach alles interessiert. Ich habe mir sogar Geld mit Nähen verdient, damit ich mir eigene Schulbücher kaufen konnte und sie nicht mehr teilen musste. Ich war aber auch nicht traurig, als ich mit 13 Jahren die Schule verlassen musste, um meiner Mutter zu helfen.

Ich hatte eine gute Idee: den Touristen am Strand frisch gebratene Fische verkaufen. Wir hatten immer viele Gäste und mit der Zeit stellten wir sogar Tische und Stühle auf. Ich habe einige Jahre so gearbeitet und konnte ein bisschen Geld sparen. Mit 18 Jahren bin ich dann nach Cartagena gezogen. Der Abschied von meinen kleinen Nichten war nicht leicht.

Ich habe dann bei einer Tante gelebt und ihr den Haushalt gemacht. Am Nachmittag besuchte ich einen Schreibmaschinenkurs und später fand ich eine Stelle in einem Büro.

Ich hatte einen Freund und war sehr verliebt. Aber er hat mich immer wieder geschlagen. Ich habe ihn nach einem Jahr verlassen, obwohl ich schwanger war. Ich bin zu meinen Eltern zurückgegangen und habe wieder am Strand Fische verkauft. Dort habe ich einen Schweizer getroffen und bin mit ihm und meinem kleinen Sohn später in die Schweiz gekommen. Jetzt haben wir noch ein zweites Kind, und ich bin sehr glücklich.

Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie gute Schulen besuchen und später studieren können.


Lesetext (PDF)
Bildporträt gross (PDF)