Amin aus Tunesien

Ich heisse Amin, bin 35 Jahre alt und lebe seit 12 Jahren in St. Gallen. Ich bin verheiratet und habe 2 Kinder.

Aufgewachsen bin ich mit 2 Brüdern und 4 Schwestern in einer kleinen Stadt im Süden von Tunesien. Ich bin das dritte Kind und der älteste Sohn. Meine Eltern waren Bauern. Sie pflanzten Gemüse an und besassen viele Dattelpalmen, Oliven- und Feigenbäume. Wir hatten auch Ziegen und Maultiere. Wir Kinder mussten alle mithelfen, vor allem im Herbst, wenn die Datteln geerntet wurden. Wie alle Kinder wollten wir nicht dauernd arbeiten, sondern auch spielen! Doch mein Vater meinte: «Ihr seid auf der Welt, um zu arbeiten.» Jeden Abend beteten wir gemeinsam in der Familie. Am Freitag durfte ich mit meinem Vater in die Moschee gehen. Alle trugen saubere weisse Kleider. Das gefiel mir sehr.

Meine Eltern stritten oft: Das Essen war nicht bereit, wenn mein Vater vom Markt kam oder meine Mutter war zu lange bei der Nachbarin auf Besuch, alles konnte meinen Vater wütend machen. Wir sprachen beim Essen wenig miteinander. Nur wenn die Nachbarn auf Besuch kamen, war es lustig. An Aiid, dem Fest zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan, bekamen wir Kinder neue Kleider. Jedes von uns dachte, die anderen hätten die besseren oder schöneren Kleider bekommen. So gab es auch deswegen Streit! Meine Grossmutter lebte mit uns. Sie half uns Kindern oft. Sie rief «genug», wenn mein Vater wollte, dass wir nach dem Abendessen nochmals aufs Feld gehen. Vor dem Einschlafen erzählte sie uns Geschichten von Dschinnen, welche die Menschen ärgerten. Ich war ihr Lieblingsenkel, denn ich war der erstgeborene Sohn. Sie hat mir heimlich Süssigkeiten zugesteckt und mehr erlaubt als den anderen. Mein grösster Wunsch war, ein Velo zu besitzen. Meine Eltern sagten, sie können das nicht bezahlen. Da hat mir meine Grossmutter eines gekauft – mit ihrem eigenen Geld! Meine Geschwister waren sehr eifersüchtig auf mich.

Zwei- bis dreimal pro Jahr nahmen wir an einem grossen Fest teil: eine Hochzeit oder ein Fest, das einem Marabut gewidmet war. Da konnten wir mit anderen Kindern spielen, scherzen, essen, trinken, singen. Oft übernachteten wir dann in mit vielen anderen Leuten in Zelten oder in kleinen Bungalows. Das war immer toll und ich fragte mich, warum das Leben nicht immer so sein konnte.

Mit 6 Jahren bin ich dann in die Schule gekommen. Ich war sehr zufrieden, alles interessierte mich. Meine Mutter war darum besorgt, dass ich nicht aufs Feld arbeiten ging, bevor ich die Hausaufgaben gemacht hatte. Mein Lehrer lobte mich regelmässig. Er hat meinen Eltern gesagt: «Amin sollte in die Sekundarschule gehen und später Schreiner lernen.» Die Sekundarschule war in der nächsten Stadt. Wir bekamen sogar finanzielle Unterstützung für ein Internat. In der Stadt war ich aber nicht glücklich. Ich habe nur wenig gelernt und dann die Ausbildung abgebrochen.

Jetzt war ich 17 Jahre alt und ohne Arbeit. Mein Vater wollte, dass ich zurück ins Dorf komme und ihm helfe. Das wollte ich aber nicht. Ich arbeitete dann in einem Café und am Abend in einer Schreinerei. Mit 18 Jahren musste ich für ein Jahr ins Militär. Das hat mir nicht gefallen. Ich war in der Wüste stationiert, es war heiss und langweilig dort. Wenigstens habe ich Auto fahren gelernt. Nach dem Militärdienst arbeitete ich in einem Hotel am Meer, habe nette Touristen kennengelernt und viel von Europa gehört. Ich habe mich dann in eine Schweizerin verliebt, bin ihr in die Schweiz gefolgt, und wir haben dann hier geheiratet.

Jetzt haben wir ein Mädchen und einen Knaben. Ich wünsche mir, dass sie lange zur Schule gehen und eine gute Ausbildung erhalten. Meine Tochter soll Ärztin werden und mein Sohn Ingenieur.


Lesetext (PDF)
Bildporträt gross (PDF)