Antonio aus Peru

Mein Name ist Antonio, ich bin 32 Jahre alt und lebe seit 5 Jahren in Zürich. Ich bin verheiratet und habe 2 kleine Kinder.

Aufgewachsen bin ich in Lima, mit 2 Schwestern und einem Bruder. Ich bin der älteste Sohn. Wir lebten in einem grossen Mietshaus mit vielen anderen Familien. Unsere Wohnung war ziemlich klein. Wir Kinder teilten uns ein Zimmer. Meine grosse Schwester und ich mussten viel helfen. Meine kleinen Geschwister waren sehr verwöhnt und machten gar nichts.

Auch eine Tante wohnte bei uns. Sie war sehr streng und kommandierte meine grosse Schwester und mich immer herum. Wir hatten sie überhaupt nicht gern! Meine Schwester und ich haben aber immer gegen sie zusammengehalten. Manchmal sind wir einfach weggerannt, wenn sie etwas von uns wollte. Dann hat sie uns ein wenig in Ruhe gelassen. Ich habe meine Schwester sehr bewundert. Sie war stark und mutig. Später ist sie Krankenschwester geworden.

Meine Mutter arbeitete als Büglerin bei verschiedenen Familien. Zum Abendessen hat sie manchmal Fleisch- oder Fischreste von den reichen Familien heimgebracht. Dann gab es ein richtiges Festessen bei uns. Mama war eine sehr gute Köchin – eine richtige Zauberin. Mein Vater war Bauarbeiter. Er hatte aber nicht immer Arbeit. Dann hat er mit seinen Kollegen tagelang Domino im Park gespielt. Wenn mein Vater jedoch arbeitete, musste ich ihm nach der Schule zuerst das Essen auf die Baustelle bringen. Das war oft sehr weit weg, und ich musste eine Stunde Bus fahren. Erst wenn ich zurück war, gab es für mich Essen. Manchmal habe ich geweint vor Hunger.

Schule zuerst das Essen auf die Baustelle bringen. Das war oft sehr weit weg, und ich musste eine Stunde Bus fahren. Erst wenn ich zurück war, gab es für mich Essen. Manchmal habe ich geweint vor Hunger.

Im Quartier hat die Kirche ein Freizeitangebot für Kinder auf die Beine gestellt. Wir durften jede Woche für eine Stunde eine Radiosendung über unser Quartier produzieren. Wir haben dann über unser Leben erzählt – was uns glücklich macht und was schwierig ist. Ich habe gelernt, direkt ins Mikrofon zu sprechen, und war mit der Zeit gar nicht mehr nervös. Wir haben auch immer gute Musik ausgewählt. Jedes Kind war einmal der Chef oder die Chefin für eine Sendung. Auch ich!

In die Schule bin ich nicht gerne gegangen. Ich war kein guter Schüler. Nach 6 Jahren habe ich einfach aufgehört. Niemand hat reagiert – weder meine Eltern noch meine Tante. Nur meine grosse Schwester hat ein bisschen geschimpft. In unserem Quartier hatte eine Familie ein Geschäft mit Schaukelstühlen. Ich war oft dort, denn diese Leute waren sehr nett zu mir. Dann habe ich angefangen, Holz zu schnitzen und die Stühle zu verschönern. Ich war so gut, dass die Stühle schnell verkauft wurden und ich eigenes Geld verdienen konnte. Da war ich sehr stolz.

Mit 18 Jahren bin für ein Jahr ins Militär gegangen. Dort habe ich gelernt, Auto zu fahren. Später konnte ich als Chauffeur im Tourismus arbeiten.

Durch das Radioprojekt hatte ich Kontakt zu einem schweizerischen Hilfswerk. Ein Schweizer, der dort arbeitete, hat viel mit mir unternommen und sich auch für meine Schnitzereien interessiert. Später hat er meine grosse Schwester kennengelernt und sich in sie verliebt. Irgendwann sind sie zusammen in die Schweiz gegangen und haben geheiratet. Für mich war das schwer.

Als meine Schwester ein Baby bekommen hat, bezahlte sie mir ein Ticket, damit ich sie besuchen konnte. Ich habe mich in Zürich in eine Peruanerin verliebt, die von einem Schweizer geschieden war. Wir haben später geheiratet und unsere beiden Kinder bekommen. Ich arbeite jetzt als Hauswart und schaue zu den Kindern, denn meine Frau arbeitet tagsüber.

Ich wünsche mir, dass unsere Kinder hier eine gute Ausbildung erhalten und ihre peruanischen Wurzeln kennen und schätzen.


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