Arben aus dem Kosovo

Ich heisse Arben, bin 30 Jahre alt und lebe seit 13 Jahren in der Schweiz. Ich bin verheiratet und habe eine kleine Tochter.

Ich bin in der Nähe von Peja aufgewachsen. Brüder oder Schwestern habe ich keine. Meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater hat für den Staat gearbeitet. Er ist jeden Tag mit dem Auto nach Peja gefahren und erst am Abend spät zurückgekommen. Manchmal hat er Alkohol getrunken. Irgendwann hat er die Arbeit verloren. Dann hat er angefangen, in die Moschee zu gehen. Das hat ihm geholfen.

Meine Eltern waren sehr ruhige Menschen. Wir haben auch beim Essen wenig miteinander gesprochen oder gelacht. Warum das so war, weiss ich nicht. Sie haben mich nie geschlagen, aber auch selten in den Arm genommen. Ich war oft alleine als Kind. Es hatte viele Roma-Kinder in der Umgebung. Meine Mutter wollte aber nicht, dass ich mit ihnen spiele. So habe ich die Kinder vom Fenster aus beobachtet, wie sie mit Metallteilen eine Maschine bauten oder ein Feuer machten. Ich hätte so gerne mit ihnen gespielt! Ich habe dann ferngesehen oder Tiere gezeichnet.

Oft bin ich zu meinem Onkel gegangen. Er hatte lange in der Schweiz gelebt und mir immer Schokolade von dort mitgebracht. Als er alt war, ist er in unser Dorf zurückgekommen. Ich bin mit ihm in den Wald gegangen, um Holz zu schlagen. Wir haben auch Tiere beobachtet, und ich habe die Namen von vielen Pflanzen gelernt. Mit ihm war ich glücklich. Wir haben manchmal auch zusammen gesungen und uns lustige Geschichten erzählt.

Ich liebte die Schule. Ich war gut in Schreiben und Zeichnen. Meine Lehrerin war sehr zufrieden mit mir. Meine Mutter hat immer gesagt, ich solle viel lernen und später Arzt werden.

Doch als ich 15 Jahre alt war, starb mein Onkel. Das bedrückte mich sehr. Ich wurde dann auch unzufrieden, wollte nicht mehr zur Schule gehen, war frech zu allen Menschen. Mit meinen Eltern redete ich fast gar nichts mehr und Freunde hatte ich keine. Ich hatte keine Perspektive mehr. Von meinem Onkel hatte ich ein Wörterbuch Deutsch – Albanisch geschenkt bekommen und so fing ich an Deutsch zu lernen. Mein Traum war, wie mein Onkel in die Schweiz zu gehen.

Meine Eltern hatten wenig Geld. Sie wollten, dass ich arbeite. Aber es gab wenig Arbeit im Dorf oder in Peja. So bin ich nach Pristina gegangen und habe dort 2 Jahre in einer Autogarage gearbeitet und bei einem Cousin gewohnt. Dann habe ich mir ein Busbillett gekauft: Pristina–Zürich!

Ein Kollege von meinem Onkel lebte in Zürich. Er hat mir geholfen, eine Stelle in einem Restaurant zu finden. Am Anfang habe ich auch bei ihm gewohnt, bis ich genug Geld für eine eigene Wohnung hatte. Im albanischen Verein habe ich meine Frau kennengelernt. Sie ist ursprünglich aus dem Kosovo, aber in der Schweiz aufgewachsen.

Das Leben in der Schweiz ist gut für mich. Heute arbeite ich bei der SBB. Ich lebe mit meiner kleinen Familie in einem Quartier mit vielen Kindern. Meine kleine Tochter geht in die Spielgruppe und spricht jetzt schon sehr gut Albanisch und Deutsch. Ich möchte, dass sie später einen guten Beruf erlernt.


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