Asha aus Somalia

Ich heisse Asha, bin 32 Jahre alt und lebe in Zürich. Ich bin verheiratet und habe 4 Kinder.

Ich bin in Mogadischu geboren. Wir waren 3 Mädchen und 6 Knaben. Unsere Familie wohnte in einem kleinen Haus zusammen mit dem Hausbesitzer. Er hatte 3 Zimmer, und wir mieteten die anderen Zimmer. Es war sehr eng! Wir Mädchen mussten kochen, waschen und putzen. Meine Brüder machten nichts. Das ärgerte uns sehr. Meine Mutter schlug uns Mädchen, wenn wir reklamierten oder Spielsachen von unseren Nachbarskindern stahlen. Manchmal haben wir ihr auch Geld gestohlen, doch das hat sie nicht bemerkt.

Mein Vater war Bauarbeiter. Sein Lohn reichte jeweils nur für 10 Tage. Meine Mutter nähte für andere Leute. Sie hat auch süsses Gebäck hergestellt und verkauft. Ihr Geld reichte für 20 Tage! Manchmal hat sie das meinem Vater vorgehalten, wenn sie wütend war. Sie haben oft über Geld gestritten oder wenn seine Verwandten auch noch bei uns wohnen wollten. Mein Vater war aber auch nett zu meiner Mutter. Er hat einen Kredit für eine neue Nähmaschine organisiert. Das hat sie sehr glücklich gemacht.

Mein Vater sprach ganz selten mit mir. Ich glaube, er hat mich gar nicht gesehen. Wir waren zu viele Kinder, und er war so müde am Abend. Trotzdem war er der Chef im Haus. Beim Essen bekam er den schönsten Teller und das beste Stück Fleisch. Er schlug meine Brüder, wenn sie in Schlägereien auf der Strasse verwickelt worden waren, was sehr häufig passierte.

Es gab sehr viele Kinder in der Nachbarschaft, und wir haben viel draussen gespielt. Am liebsten «Himmel und Hölle». Spielzeug hatten wir keines. Aber wir haben uns mit Maiskolben Puppen gebastelt. Meine beste Freundin hiess Sadija. Wir teilten alle unsere Geheimnisse. Schön war, mit ihr am Strand zu spielen. Es war zwar verboten, doch wir schwindelten und sagten, wir seien in der Koranschule. Wenn die Schule für 3 Monate geschlossen blieb, durfte ich alleine zu meiner Grossmutter aufs Dorf gehen. Ich war ihr Lieblingskind! Sie hat mir viele Geschichten erzählt und mich am Abend in den Schlaf gesungen.

Mit 7 Jahren bin ich in die Schule gekommen. Meine Lehrerin war sehr nett und ich mochte sie gerne. Später hatte ich verschiedene Lehrer. Sie haben mich manchmal geschlagen, wenn ich nicht aufgepasst oder die Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Als ich in der 4. Klasse war, ist der Krieg ausgebrochen. Oft hörte ich Gewehrschüsse. Die Nachbarn haben plötzlich nicht mehr miteinander gesprochen, weil sie zu verschiedenen Clans gehörten. Meine Familie ist in das Quartier von unserem Clan gezogen. Die Leute haben den Schulunterricht für uns Kinder organisiert und das Gebiet vor den Rebellen geschützt. Es hatte plötzlich überall Waffen, wir hatten immer Angst. Ich habe bald die Schule verlassen und zu Hause geholfen. Meine Eltern wollten das so.

Sie glaubten, es könne mir etwas passieren. Sie schlossen mich sogar im Haus ein, damit ich nicht auf die Strasse gehe. Da habe ich geschrieen und getobt. Ich wollte nicht eingesperrt sein! Nach einigen Jahren ist meine ganze Familie nach Äthiopien gezogen. Mit 18 habe ich dort einen Somalier geheiratet, und wir sind in die Schweiz geflohen. Wir haben später Asyl erhalten. Ich habe in der ersten Zeit als Zimmermädchen in einem Hotel gearbeitet.

Jetzt bin ich Mutter von 3 Mädchen und einem Sohn. Ich wünsche mir für alle, dass sie Erfolg im Leben haben. Sie sollen ohne Gewalt aufwachsen und weder Angst vor den Eltern noch vor dem Staat haben.


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