Doris aus der Schweiz

Ich heisse Doris, bin 35 Jahre alt und lebe in Winterthur. Ich habe 2 Kinder und bin geschieden.

Ich bin in Winterthur aufgewachsen, zusammen mit einem grossen Bruder. Wir hatten eine Vierzimmerwohnung. Die Zimmer waren klein und die Küche ganz alt.

Draussen vor meinem Zimmer stand ein wunderschöner Apfelbaum. Am Abend, wenn ich ins Bett musste, hat meine Mutter das Fenster geöffnet, und ich konnte die Vögel singen hören. Meine Mutter hat jeden Abend mit mir gebetet. Wenn sie in guter Stimmung war, ist sie auch noch kurz zu mir ins Bett gekommen. Ich durfte in ihren Armen liegen und habe ihr Parfum gerochen. Dann war ich glücklich.

Mein Bruder hat nie mit mir gespielt. Er sagte, dass kleine Schwestern langweilig sind. Er hatte Probleme in der Schule und meist schlechte Noten. Mein Vater hat oft mit ihm geschimpft und ihn auch geschlagen. Manchmal hat mein Bruder geweint, aber nur, wenn ihn niemand sah. Er hat dann beim Abendessen gar nichts mehr gesagt, und auch wir anderen haben geschwiegen. Nur das Radio war an.

Wenn meine Eltern stritten, sind sie ins Schlafzimmer gegangen. Doch wir konnten sie hören. Manchmal hat meine Mutter geweint. Mein Vater ist oft am Abend weggegangen. Dann waren wir drei plötzlich fröhlich. Wir haben uns einen schönen Fernsehabend gemacht und ein gutes Dessert gegessen. Mein Vater war Polizist und meine Mutter Kassiererin. Das Geld, das sie verdiente, haben wir für unseren Wohnwagen ausgegeben. Wir sind von Mai bis September jeden Samstag an den Bodensee gefahren und erst am Sonntagabend zurückgekommen. Ich hatte dort viele Freundinnen. Wir haben mit Wasser und Steinen oder mit unseren Puppen gespielt. Mein Vater hat die Zeitung gelesen und Zigaretten geraucht, meine Mutter ein Magazin angeschaut oder gestrickt. Mein Bruder war mit seinen Kollegen unterwegs. Alle waren zufrieden.

Mit 7 Jahren bin ich in die Schule gekommen. Ich war so stolz auf meinen Schulsack! Er war rot und blau, mit gelben Schmetterlingen. Am Anfang ging ich sehr gerne zur Schule: Ich konnte schön schreiben. Leider war ich im Rechnen und im Diktat weniger gut. Meine Mutter hat zu Hause viel mit mir geübt. Doch an Prüfungen war mein Kopf leer und die Note dann schlecht.

Ich hatte eine gute Freundin. Wir waren jeden Tag zusammen, haben gespielt, gebastelt oder uns unsere Geheimnisse erzählt. Sie hat in einer grossen Wohnung gelebt. Ich war oft bei ihrer Familie zum Essen. Dort wurde viel erzählt und gelacht. Es war so anders als bei uns! Meine Freundin ist nach der 6. Klasse ins Gymnasium gegangen und ich in die Sekundarschule. Danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Die Schule hat mir wenig Spass gemacht, und ich war froh, bald eine Bürolehre zu beginnen.

Ich habe einige Jahre gearbeitet, am Schluss in einem Reisebüro. Das war mein Traumjob. Unterdessen hatte ich geheiratet und 2 Kinder bekommen. Als diese noch klein waren, habe ich nur Teilzeit gearbeitet und sie zu einer Tagesmutter gegeben. Jetzt sind die Kinder schon recht selbstständig und ich arbeite 80 Prozent.

Meine Ehe war nicht so gut. Wir haben uns in Frieden getrennt, haben aber immer noch Kontakt wegen der Kinder. Wir feiern Weihnachten und die Kindergeburtstage zusammen.

Meine Kinder sind das Wichtigste in meinem Leben. Ich wünsche mir, dass sie einen guten Beruf erlernen, Glück bei ihrer Partnerwahl haben und nicht alleine durchs Leben gehen müssen.


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