Ercan aus der Türkei

Ich heisse Ercan, bin 30 Jahre alt und lebe seit 4 Jahren in Basel. Ich bin verheiratet mit meiner Cousine Hatice. Wir haben ein Kind und bekommen bald das zweite.

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Elbistan, mit 3 Schwestern und 2 Brüdern aufgewachsen. Ich bin das drittjüngste Kind.

Meine Eltern sind Bauern. Wir hatten Land und einen grossen Garten mit Gemüse. Ich habe meinem Vater auf dem Feld geholfen und für ihn alles aufgeschrieben, was mit Getreide und Gemüse zu tun hatte: Wie viel wir geerntet hatten, wie viel der Händler bekam und was er uns an Vorschuss gab. Meine Eltern konnten beide nicht lesen und schreiben. Sie waren sehr stolz, dass ich das so gut konnte! Ich war auch mit meinem jüngeren Bruder für die Ziegen, Schafe und Hühner verantwortlich. Einmal bin ich mit 20 Schafen in die Berge gegangen. Ich habe mit meinem Bruder gespielt und nicht gut aufgepasst. Wir haben dann 2 Tiere verloren! Da hat mich mein Vater geschlagen. Ich habe geweint und mich sehr geschämt.

Musik hat mich immer glücklich gemacht. Ich konnte gut singen und habe selber gelernt, Saz – eine Langhalslaute – zu spielen. Niemand wusste das, ausser mein Lehrer. Er hat es später meinem Grossvater erzählt. Mein Grossvater war der grosse Sänger in unserer Familie. Ich musste ihm vorspielen, und er war zufrieden. Ja, er war stolz auf mich und hat mir sogar ein eigenes Instrument geschenkt. Ich habe fleissig geübt und mit meinem Grossvater an Festen gespielt und gesungen.

Ich bin 5 Jahre in die Dorfschule gegangen. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich lesen, schreiben und rechnen lerne. Ich war ein guter Schüler, vor allem im Rechnen. Der Lehrer war immer freundlich zu uns. Ich hatte in der Schule viele Freunde – die meisten waren Cousinen und Cousins von mir. Doch mit 12 Jahren musste ich die Schule verlassen, denn es gab keine Oberstufe im Dorf. Meine Eltern wollten, dass ich ihnen bei der Arbeit helfe.

Mein Freund Ali durfte weiter zur Schule gehen und ist später Arzt geworden. Es bedrückte mich, dass er weiter lernen durfte und ich nicht: Ich hätte auch gerne einen Beruf erlernt! Mit 20 Jahren musste ich für zwei Jahre nach Manisa in den Militärdienst. Dort habe ich Auto fahren und reparieren gelernt. Ich war geschickt mit den Händen und wurde ein guter Automechaniker.

Mein Onkel lebte in Basel. Jeden zweiten Sommer ist er mit seiner Familie in unser Dorf gekommen. Einmal hat er mir ein Schweizer Taschenmesser geschenkt. Ich habe es heute noch. Nach dem Militärdienst haben meine Eltern vorgeschlagen, dass ich meine Cousine Hatice heirate und zu ihr nach Basel gehe. Ich kannte Hatice ein wenig. Ich fand sie nett und wollte gerne in die Schweiz kommen. Wir haben dann auf dem Dorf ganz traditionell geheiratet und in Basel nochmals in einem Saal mit 300 Gästen.

Mein Onkel wollte, dass ich sofort Geld verdiene. Ich hätte lieber zuerst Deutsch gelernt. Ich arbeitete dann in der Küche von einem Döner-Imbiss. Leider hatte ich nie Kontakt zu Schweizerinnen und Schweizern. Ich habe oft an türkischen Hochzeiten mit meiner Saz gespielt. Das machte mir Spass und brachte etwas Geld ein. Ich konnte so auch mein Heimweh vertreiben. Bald war Hatice schwanger. Als unser erstes Kind geboren wurde, gab es Komplikationen. Die Ärzte im Spital wollten mit mir sprechen, aber ich verstand kein Deutsch. Das war ein grosser Stress für uns alle.

Bald bin ich Vater von 2 Kindern. Ich wünsche mir, dass meine Kinder mit Türken und Schweizern zusammen leben lernen und nicht ein so schwieriges Leben haben wie ich.


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