Ghenet aus Eritrea

Ich heisse Ghenet, bin 30 Jahre alt und lebe seit 3 Jahren in Zürich. Ich bin verheiratet und habe 3 Kinder.

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Dekemhare geboren. Wir waren 3 Mädchen und 3 Knaben. Ich bin das älteste Kind. Das Haus, in dem wir wohnten, war sehr klein. Es war so eng! Mein Vater war Bauer. Er hat Getreide angepflanzt. Wir hatten aber auch Kühe, Hühner und einen Esel. Meine Mutter hat meinem Vater auf dem Feld geholfen. Sie hat auch Körbe geflochten und auf dem Markt verkauft. Ich musste für alle kochen, putzen, waschen, für meine Mutter auf den Markt gehen und natürlich auf meine Geschwister aufpassen. Meine Brüder haben auf dem Feld geholfen und die Tiere gefüttert.

Mein Vater war sehr streng mit uns. Beim Essen mussten wir ganz ruhig sein, regelmässig kontrollierte er unsere Hände und Füsse. Die mussten immer ganz sauber sein. Manchmal hat er geschrien und uns einfach so geschlagen. Wenn er betrunken war, hat er auch meine Mutter geschlagen. Meine Mutter war sehr liebevoll. Sie hat uns zwar auch ab und zu geschlagen, wenn wir ihr nicht geholfen haben. Doch das hat nicht weh getan.

Am Sonntag sind wir Mädchen mit der Mutter in die Kirche gegangen. Am Nachmittag durfte ich mit meinen Freundinnen spielen und musste nichts arbeiten. Wir haben gemeinsam Körbe geflochten oder einander Frisuren gemacht. Manchmal sind wir heimlich an den Fluss gegangen und haben am Wasser gespielt. Das war verboten, denn wir konnten nicht schwimmen. Doch es war aufregend, etwas Verbotenes zu tun! Wir haben uns stark und erwachsen gefühlt.

In der Nachbarschaft hat meine Lieblingstante gelebt. Sie war die jüngste Schwester meiner Mutter und frisch verheiratet. Ich habe sie besucht, wenn ich Zeit hatte. Manchmal hat sie zu meiner Mutter gesagt: «Du musst Ghenet mehr spielen lassen, sie ist noch ein Kind!» Meine Mutter hat mir einige Tage lang weniger Arbeit gegeben, doch dann hatte sie es schon wieder vergessen!

Ich bin 6 Jahre in die Schule gegangen. Meine Eltern konnten nicht lesen und schreiben. Sie wollten, dass wir mehr Chancen haben als sie. Besonders im Zeichnen und in Englisch war ich gut. Der Lehrer war streng, doch mit mir war er immer zufrieden. Ich wollte so gerne Lehrerin werden. Manchmal hat mir meine Tante Geld für Bücher und Hefte gegeben. Ich wollte nicht immer meine Eltern fragen. Meine Lieblingstante ist gestorben, als ich 12 Jahre alt war. Bei der Geburt des ersten Kindes ist sie verblutet. Ich war vor der Tür, habe Schreie gehört und sofort gewusst, dass etwas nicht gut ist. Das Baby hat aber gelebt. Ich war sehr traurig über den Tod meiner Tante und bin oft zum Friedhof gegangen. Ich habe mich zu ihrem Grabstein gesetzt und mit ihr gesprochen. Nachher habe ich mich besser gefühlt.

Nach der Schule habe ich einen Mann geheiratet, der einige Jahre älter war. Ich habe mit seiner Familie gelebt, doch das war schwierig. Ich musste noch mehr arbeiten und durfte mich nicht beklagen. Mein Mann wollte nichts hören! Ab und zu konnte ich meine Familie besuchen, und meine Mutter hat mich getröstet. Als ich 2 Kinder hatte, wurde das Leben dort etwas besser. Als mein Mann ins Militär gehen sollte, haben wir beschlossen, nach Europa zu fliehen. Wir sind per Zufall in die Schweiz gekommen und haben eine provisorische Aufenthaltsbewilligung bekommen. Hier ist unser jüngstes Kind geboren.

Ich bin jetzt Mutter von 2 Mädchen und einem Sohn. Ich möchte, dass meine Kinder es besser haben. Sie sollen viel lernen. Ich möchte, dass sie keine Gewalt erleben müssen.


Lesetext (PDF)
Bildporträt gross (PDF)