Kweku aus Ghana

Ich heisse Kweku, bin 30 Jahre alt und lebe seit 8 Jahren in Solothurn. Ich bin mit einer Schweizerin verheiratet und habe 2 Kinder.

Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Accra. Mein Vater hatte 2 Frauen. Meine Mutter war seine erste Frau. Sie hatte 5 Kinder mit ihm. Mein Vater war Bauer. Wir hatten ein kleines Stück Land und ein paar Tiere. Wir waren aber arm, denn da waren viele hungrige Kinder. Als ich ein Jahr alt war, ist meine Mutter an Malaria gestorben. Die zweite Frau hat immer zuerst für ihre eigenen Kinder geschaut: Erst wenn ihre Kinder satt waren, durfte ich essen. Neue Kleider habe ich nie bekommen. Ich musste um alles kämpfen: Essen, Kleider und später für das Schulgeld. Ein paarmal habe ich versucht, mit meinem Vater darüber zu sprechen, doch er hat nicht reagiert. Ich glaube, er sah und hörte mich nicht. Ich habe viel mit meinen Halbgeschwistern gestritten. Sie haben immer zusammengehalten gegen mich. Meine älteren richtigen Geschwister haben mich nie geschützt. Sie meinten: «Wir hatten es auch nicht leicht, warum sollen wir dir helfen?» Da habe ich manchmal geweint.

Hin und wieder gab es ein Fest auf dem Marktplatz: eine Hochzeit, eine Beerdigung oder eine Taufe. Das ganze Dorf war da, und wir konnten viel essen. Es wurde auch getrommelt. Die reichen Dorfbewohner mieteten ab und zu einen Generator und liessen Musik ab Stereoanlage laufen. Dann haben wir alle getanzt. Das war sehr schön!

Ich bin 8 Jahre zur Schule gegangen. Ich war sehr glücklich dort. Der Lehrer war nett zu mir und sehr zufrieden mit meinen Leistungen. Zu Hause hat mir niemand bei den Hausaufgaben geholfen. Ich hatte trotzdem gute Noten. In der Schule fand ich einen Freund. Manchmal spielten wir nach dem Unterricht zusammen. Seine Eltern waren nett zu mir, und ich bekam von ihnen viel zu essen. So eine Familie wünschte ich mir! Mit meinem Freund bin ich bis heute in Kontakt. Er ist Primarlehrer geworden. Ich bin immer ein bisschen traurig, denn das war auch mein Berufswunsch.

Als ich 10 Jahre alt war, wurde mein Vater von einem Auto angefahren und starb auf der Stelle. Jetzt war ich ganz alleine. Meine Stiefmutter hatte zu wenig Geld für ihre eigenen Kinder. Fast alle meine Geschwister hatten geheiratet und waren weggegangen. Ich musste jetzt für mich selbst sorgen. Ich habe die Schule abgebrochen und auf dem Markt Essen verkauft, das meine Tante kochte. Ab und zu habe ich auch als Lastenträger gearbeitet. Das Geld habe ich gespart. Ich wollte wieder zur Schule gehen. Manchmal hatte ich solchen Hunger, dass ich sogar Essen gestohlen habe. Ein Jahr später sagte ein Onkel zu mir: «Du darfst bei mir wohnen.» Hat er gesehen, wie schwer mein Leben war? Auch bei meinem Onkel war es nicht einfach. Seine Frauen und Kinder waren nicht nett zu mir. Doch ich konnte wenigstens die Grundschule abschliessen. Für die teure Oberstufe hatte auch mein Onkel kein Geld. Ich habe dann auf dem Markt und auf dem Bau gearbeitet und bei einer Schwester gewohnt. Ich träumte von einem andern Leben in Europa, denn ein Jugendfreund von mir hatte eine Schwedin geheiratet und lebte in Schweden.

Irgendwann hatte ich so viel Geld gespart, dass ich nach Europa fliegen konnte. Schliesslich bin ich in der Schweiz gelandet. Ich lernte eine Schweizerin kennen, und wir haben später geheiratet.

Jetzt haben wir 2 kleine Buben. Ich liebe beide gleich stark und versuche, sie immer gleich zu behandeln. Ich möchte immer für sie da sein.


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