Mafalda aus Portugal

Ich heisse Mafalda, bin 30 Jahre alt, lebe seit 10 Jahren in der Schweiz und habe 2 Kinder. Eines ist 9 Jahre, das andere 3 Jahre alt.

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Castelo Branco aufgewachsen und habe noch 2 Brüder, einen älteren und einen jüngeren. Mit meinem grossen Bruder spielte ich oft. Wir bastelten Fahrzeuge oder waren bei unseren Tieren. Wir mussten jeden Sonntag in die Kirche. Nach der Messe spielten wir mit anderen Kindern Verstecken. Meine Mutter schimpfte natürlich, wenn unsere Kleider danach schmutzig waren.

Meine Mutter hat mir früh gezeigt, wie man häkelt. Ich habe für meine Aussteuer gehäkelt und mir dabei vorgestellt, wie es ist, selber Mama und Ehefrau zu sein.

Meine Eltern waren Bauern. Wir hatten einen grossen Gemüsegarten, viele Obstbäume, 2 Schweine, einen Esel, Ziegen, Kaninchen, Hühner, Hunde und Katzen. Einen richtigen Zoo! Wir hatten immer genug zu essen, aber auch sehr viel Arbeit. Die Gärten waren an ganz verschiedenen Orten, und wir mussten lange Wege zu Fuss gehen, um dorthin zu gelangen.

Mein Vater war zudem Korkarbeiter und manchmal wochenlang weg. Meine Eltern waren sehr lieb zu uns, und wir mussten nicht viel helfen. Meine Aufgaben waren das Eierholen und die Hunde und Katzen füttern. Das machte ich sehr gerne. Freiwillig half ich zudem meiner Mutter im Haushalt. Ich wollte alles lernen, um später eine gute Hausfrau zu sein. Mein Vater war der Chef im Haus. Was er gesagt hat, haben wir gemacht. Auch meine Mutter hat immer gehorcht.

Meine Grossmutter wohnte im Haus gegenüber. Sie kochte für uns Kinder das Mittagessen, wenn meine Mutter auf dem Feld war. Auch sie war sehr liebevoll zu uns. Ab und zu hat sie für uns kleine Kuchen gebacken. Vor meinem Grossvater hingegen hatte ich Angst. Er war früher einmal wegen eines Diebstahls im Gefängnis. Wenn er betrunken war, schlug er meine Grossmutter. Wir haben fast nie mit ihm gesprochen und waren froh, wenn er nicht zu uns in die Küche kam.

Mit 6 Jahren bin ich zur Schule gekommen. Wir waren nur 10 Kinder dort. Meine Lehrerin war freundlich und geduldig, doch ich war trotzdem keine gute Schülerin. Ich hatte einfach keine Lust zu lernen. Meine Mutter sagte: «Es ist wichtiger, dass du eine gute Hausfrau wirst und später ein schönes Haus hast!» Nach 8 Jahren habe ich mit der Schule aufgehört und in Castelo Branco als Dienstmädchen bei einer Familie und später bei einer älteren Dame gearbeitet. Das hat mir gut gefallen, und ich habe ein bisschen Geld verdient.

Mein Vater hatte in dieser Zeit einen Unfall mit dem Traktor. Er war ein halbes Jahr im Krankenhaus. Er hatte schwarz gearbeitet und war nicht versichert. Meine Mutter hatte plötzlich kein Geld mehr, und die Verwandten mussten uns helfen. Das war schwierig für uns! Mein grosser Bruder arbeitete als Maurer und versuchte, uns so viel Geld wie möglich zu geben. Ich besuchte einen Nähkurs. Meine Idee war, mit Nähen zusätzlich Geld zu verdienen, doch das hat nicht geklappt.

Mit 18 Jahren habe ich geheiratet. Meine Aussteuer hatte ich ja schon! Wir wollten gerne ein Haus bauen, hatten aber zu wenig Geld. Mein grosser Bruder war unterdessen in der Schweiz. Er hat für meinen Mann und mich in einem Restaurant in Rapperswil Arbeit gefunden. Es gefiel uns, und wir sind geblieben. Hier sind auch unsere Kinder geboren.

Ich wünsche mir für sie, dass sie aktiver in der Schule sind als ich und einen richtigen Beruf erlernen. Sie sollen immer genug Geld für ihr Leben haben.


Lesetext (PDF)
Bildporträt gross (PDF)