Malar aus Sri Lanka

Ich heisse Malar, bin 35 Jahre alt und lebe seit 13 Jahren in Bern. Ich bin verheiratet und habe 2 Kinder.

Aufgewachsen bin ich in einem Dorf in der Nähe von Jaffna mit 2 Brüdern und 2 Schwestern. Ich bin das jüngste Mädchen. Mein Vater ist Bauer. Wir haben Gemüse angepflanzt und es auf dem Markt verkauft. Den Reis gaben wir einem Händler. Meine Mutter arbeitete im Haus, aber auch auf den Feldern. Bei uns mussten die Kinder zu Hause mithelfen. Wir Mädchen bereiteten jeden Tag das Frühstück vor – Reisnudeln mit Sambal. Meine Brüder halfen, die Felder zu bewässern. Sie arbeiteten aber weniger als wir Mädchen. Wenn ich mich deswegen beklagte, meinte meine Mutter, das sei normal. Trotzdem liebte ich meine Brüder sehr, und wir spielten oft zusammen. Mein Vater trank manchmal mit anderen Männern im Dorf viel Alkohol. Wenn er dann nach Hause kam, kritisierte er alles und alle: Das Essen war nicht gut oder wir waren frech. Manchmal schlug er uns. Ich fürchtete mich vor ihm.

Meine Grosseltern lebten im selben Haus. Sie mochten mich sehr und nahmen mich immer mit, wenn sie in den Tempel gingen. Meine Geschwister hatten keine Lust mitzukommen. Auf dem Nachhauseweg bekam ich dann Süssigkeiten. Das war aber unser Geheimnis! Ich habe alles sofort aufgegessen, denn ich wollte meinen Geschwistern nichts abgeben. Mein Traum war, tanzen zu lernen, doch der Tanzkurs war sehr teuer. Meine Grossmutter hat dann mit der Tanzlehrerin gesprochen. Am Ende durfte ich doch tanzen, und wir mussten nur wenig Geld bezahlen. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Ich bin bis heute eine sehr gute Tänzerin.

Für meine Eltern war es wichtig, dass wir alle regelmässig in die Schule gehen. Sie hatten nicht viel Geld. Sie haben trotzdem die Uniformen und das Schulmaterial bezahlt. Das war lieb von ihnen! Ich bin sehr gerne zur Schule gegangen. Besonders gut war ich in Sprache und Mathematik. Ich musste aber die Kleider von meinen grossen Schwestern tragen. Sie waren schon viele Male geflickt worden und nicht mehr schön. Auch meine Schuluniform war alt. Die anderen Kinder lachten mich deswegen aus, und ich habe mich geschämt.

Mit 16 wollte ich weg von zu Hause. Ich bin nach Jaffna gegangen und habe bei einer Tante und ihrem Mann gewohnt. Sie waren froh, wieder jemanden zu haben. Ihr Sohn war während des Krieges verschwunden. Ich habe einen Kurs als Näherin besucht und zu Hause Kleider für die Nachbarinnen genäht. Die Tante lieh mir ihre Nähmaschine aus. Später habe ich eine gebrauchte Nähmaschine gekauft.

Der Sohn einer Nachbarin lebte in der Schweiz. Diese Nachbarin hat meine Tante gefragt, ob ich ihren Sohn heiraten wolle. Die Tante hat mit meinen Eltern gesprochen. Die Horoskope passten gut zusammen. Meine Tante hat mir dann ein Bild von diesem Sohn gezeigt. Er gefiel mir, und ich habe ja gesagt. Er ist nach Jaffna gekommen, wir haben geheiratet, und er ist wieder zurückgeflogen. Nach 2 Jahren hatte er genug Geld für eine Wohnung, und ich bin zu ihm nach Bern gezogen. Ich habe in einer Reinigung gearbeitet. Seit wir Kinder haben, putze ich nur noch Büros am Abend.

Suthan ist 8 und Suba ist 2 Jahre alt. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder hier eine gute Ausbildung bekommen und die tamilische Traditionen nicht vergessen.


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