Marcelo aus Brasilien

Mein Name ist Marcelo, ich bin 31 Jahre alt und komme aus Rio de Janeiro. Seit 5 Jahren lebe ich in Brugg. Ich bin verheiratet, und wir bekommen bald ein Kind.

Ich bin mit meinen 5 Geschwistern in den Favelas von Rio aufgewachsen. Als Zweitältester musste ich zu Hause immer viel helfen: Mauern flicken, Leitungen reparieren, Wasser holen beim Tanklastwagen, die jüngeren Geschwister zur Schule bringen. Meine Eltern hatten uns Kinder gern. Manchmal hat der Vater zu viel getrunken und dann Ärger gemacht. Das störte uns, aber wir haben trotzdem immer zusammengehalten. Es gab auch viele gute Zeiten in denen gelacht und gesungen wurde. Die Mutter war oft krank. Es war schwer für sie, dauernd so viel zu arbeiten. Wir hatten immer wieder Angst, dass sie sterben könnte. Medikamente konnten wir ja keine kaufen. Sie waren zu teuer für uns.

Mein Vater war Gärtner bei einer reichen Familie. Meine Mutter hat für die gleiche Familie gekocht. Sie hat uns am Abend immer die Essensreste mitgebracht, zum Beispiel Reis und Bohnen mit Rindfleisch. Sie hat das Fleisch frittiert, und wir haben es mit Maniok gegessen. Mein jüngerer Bruder hat mit 10 Jahren angefangen, Drogen zu nehmen. Zuerst Marihuana, später Crack. Um sich Geld für Drogen zu beschaffen, hat er uns bestohlen und einmal sogar meine Fussballschuhe verkauft! Ich war sehr enttäuscht und böse auf ihn. Er hat auch mit Drogen gehandelt und viele Probleme mit der Polizei gehabt. Am Abend spielte ich meistens auf dem Schulhausplatz Fussball. Ich hatte viele Freunde, und die Mädchen liebten mich, obwohl ich klein und dünn war. Aber ich war ein guter Fussballer!

Ich bin 8 Jahre zur Schule gegangen. Der Unterricht war unregelmässig. Manchmal sind die Lehrer einfach nicht gekommen, weil sie einen besser bezahlten Job gefunden hatten. Ich war sehr gut in der Schule, vor allem in Musik und Mathematik. Gerne wäre ich Buchhalter geworden, musste dann aber eine Arbeit suchen, weil meine Mutter nicht mehr arbeiten konnte. Ich hatte verschiedene Jobs. Später wollte ich ins Militär gehen, aber sie haben mich nicht genommen. Ich war nicht stark genug. So habe ich dann bei Nestlé als «Mädchen für alles» gearbeitet.

Am Wochenende machten wir meistens Musik mit meiner Band. Das war jedes Mal ein grosses Fest. Alle haben etwas zu essen und zu trinken mitgebracht. Manchmal sind wir auch dorthin gegangen, wo die Touristen waren, und haben Geld für unsere Musik bekommen.

Meine grosse Schwester hat einen Schweizer geheiratet und mich zur Hochzeit eingeladen. Ich habe ein Touristenvisum bekommen. Die Schweiz war schön. Ich wollte ein bisschen Geld verdienen, habe Strassenmusik gemacht und hatte plötzlich viel Geld. Ich bin deshalb mehr als 3 Monate geblieben. Die Polizei hat mich dann ausgewiesen. Sobald ich genug Geld hatte, bin ich wieder in die Schweiz gekommen. Ich hatte zuvor eine Brasilianerin kennengelernt, die gerade von ihrem Schweizer Mann geschieden worden war. Wir haben bald geheiratet.

Ich lebe jetzt mit meiner Frau in Brugg und arbeite bei der Post als Sortierer. Meine Frau hat bereits eine kleine Tochter aus erster Ehe. Nun bekommen wir noch ein gemeinsames Kind. Ich wünsche mir, dass unser Kind hier eine gute Bildung bekommt und seine Kindheit weniger hart ist als meine.


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