Meryem aus der Türkei

Mein Name ist Meryem, ich bin 22 Jahre alt und lebe seit 4 Jahren in Baden. Seit 2 Jahren bin ich verheiratet, mein Baby ist 6 Monate alt.

Ich komme aus Adana. Das ist eine Stadt mit türkischer, kurdischer und arabischer Bevölkerung. Dort bin ich in einem Aussenquartier zusammen mit meinem kleinen Bruder, den ich sehr liebe, aufgewachsen. Wir wohnten in einem kleinen zweistöckigen Haus. Unsere Mutter war streng, weil sie alleine war mit uns Kindern. Sie kontrollierte mich immer, und ich musste ihr viel helfen. Das gefiel mir nicht!

Meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater hat regelmässig Geld aus der Schweiz geschickt und ein Mal pro Monat angerufen. Manchmal durfte ich mit ihm sprechen, wusste aber meistens nicht, was sagen. Wenn mein Vater bei uns zu Besuch war, brachte er Schokolade und Malbücher mit. Darüber freute ich mich. Doch er war mir fremd, und alles war anders, wenn er bei uns war. Er hat unsere Familie irgendwie gestört. Aber als er nach 3 Wochen wieder ging, weinte ich. Ich wollte doch einen Vater haben!

Es gab viele nette Nachbarn in unserer Strasse. Wir waren wie eine grosse Familie. Ich spielte mit meinen Freundinnen draussen oft «Himmel und Hölle» oder Seilspringen. Wir hatten so viel Spass zusammen. Bei vielen Kindern war kein Vater zu Hause: Alle arbeiteten im Ausland und schickten Geld. Wir hatten zu unseren Verwandten keinen Kontakt. Sie lebten weit weg. Meine Grosseltern waren schon gestorben.

Als Kind hörte ich gerne Geschichten und Gedichte. Später habe ich auch viel selber gelesen. Vorlesen konnte ich auch gut. Ich war normalerweise schüchtern, aber wenn ich Gedichte vortrug, war ich mutig und hatte eine kräftige Stimme. Dann hat mich sogar meine Mutter gelobt.

Ich bin 8 Jahre zur Schule gegangen. Aber es hat mir keinen Spass gemacht. Die Grundschullehrerin war sehr streng und auch in der Oberstufe war es nicht besser. Ich habe oft gegen die Lehrer rebelliert, denn ich hatte schon lange aufgehört, schüchtern zu sein. Ich wollte gerne etwas mit Mode oder Kosmetik machen oder sogar Schauspielerin werden. Unsere Nachbarinnen und die Knaben sagten mir immer, dass ich schön sei. Doch meine Mutter war natürlich dagegen, und wir hatten viel Streit deswegen.

Die Schule habe ich mit 15 Jahren abgeschlossen. Meine Mutter sagte: «Dein Vater soll jetzt für dich schauen. Ich habe keine Nerven mehr!» Ich freute mich darauf, zu ihm zu gehen, und hoffte auf ein freieres Leben in der Schweiz. Aber ich habe mich getäuscht. Der Abschied von meinem kleinen Bruder war sehr traurig. Wir mussten beide weinen.

Kurz vor meinem 18. Geburtstag bin ich in die Schweiz gekommen. Nach einem Jahr wollte mein Vater, dass ich heirate. Ich habe dann einen Türken kennengelernt, der hier aufgewachsen ist. Er war nett und sympathisch. Mein Vater hat ihn akzeptiert. Wir haben geheiratet und eine eigene Wohnung genommen. Ich habe Büros geputzt, bis zum 7. Monat meiner Schwangerschaft. Mein Mann hatte dann einen Unfall und ist immer noch krank. Das ist schwierig für uns alle.

Ich wünsche für mein Kind, dass es freier leben kann als ich und dass es seine Träume verwirklichen kann. Mein Mann unterstützt mich in diesem Wunsch, und wir freuen uns sehr über unseren kleinen Sohn.


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