Raja aus Sri Lanka

Ich heisse Raja, bin 30 Jahre alt und lebe seit 6 Jahren in Bern. Ich bin verheiratet, und bald bekommen wir unser erstes Kind.

Ich bin in der Nähe von Jaffna am Meer aufgewachsen. Ich habe eine Schwester und einen Bruder. Beide sind älter als ich. Ein Bruder ist gestorben, als unser Dorf vom Militär bombardiert wurde. Meine Eltern haben oft von ihm gesprochen. Dann weinte meine Mutter, und wir waren traurig. Meine grossen Geschwister waren immer sehr nett zu mir. Sie spielten mit mir und erzählten Geschichten. Ich musste meinen Eltern auch nicht so viel helfen wie sie. Ja, ich war der verwöhnte kleine Bruder.

Mein Vater war Fischer. Er hatte ein kleineres Motorboot und ging früh am Morgen damit fischen. Dann kam die Zeit, als er wegen des Militärs nicht mehr als Fischer arbeiten konnte – es war zu gefährlich.

Wir sind dann in ein anderes Dorf im Landesinnern gezogen. Ein Freund hat uns ein Stück Land gegeben, und wir haben angefangen als Bauern zu leben. Wir wohnten im Haus einer Familie, die geflüchtet war. Im Dorf hatten wir keine Verwandten. Aber die Nachbarn waren nett und haben uns viel geholfen.

Ich konnte aber unser Fischerdorf und unser Boot nicht vergessen! Ich hatte Heimweh und wollte mich nicht an unser neues Leben gewöhnen.

Am liebsten spielte ich Fussball. Ich war Verteidiger. Weil wir arm waren, hatte ich als einziger in der Mannschaft keine Turnschuhe und musste barfuss spielen. Die anderen Kinder lachten mich deshalb aus. Ich hatte einen Onkel in der Schweiz. Manchmal hat er telefoniert, und ich durfte auch kurz mit ihm sprechen. Ich mochte ihn, obwohl ich ihn nie gesehen hatte. Als ich 9 Jahre alt wurde, hat er mir Geld für Turnschuhe geschickt. Ich war so glücklich und wurde noch besser im Fussball!

Zur Schule bin ich nicht gerne gegangen. Ich hatte einfach keine Lust zu lernen, und der Lehrer war nicht nett – vielleicht, weil ich ein Flüchtling war? Mit 13 Jahren hatte ich genug. Meine Eltern sagten: «Du musst noch 2 Jahre durchhalten.» Ich habe die Schule mit 15 Jahren ohne Bedauern verlassen. Was sollte ich jetzt tun? Ich wollte nicht Bauer sein. In einem kleinen Lebensmittelgeschäft im Nachbarort fand ich dann Arbeit.

Mein Vater war enttäuscht von mir, weil ich die Schule verlassen hatte, und sprach fast nicht mehr mit mir. Meine Mutter war wie immer lieb und hat für mich gekocht, wenn ich nach Hause kam. Ich habe ihr regelmässig Geld gegeben, denn ich verdiente ja jetzt ein wenig. Das hat sie gefreut, und sie war stolz auf mich. Ich habe mich in dieser Zeit oft einsam gefühlt. Zum Fussballspielen bin ich nicht mehr gegangen. Ich hatte keine Freunde mehr im Dorf. Meine Geschwister waren verheiratet und weg. Ich war ohne Ziel.

Der Onkel aus der Schweiz hat mir Geld geschickt, damit ich etwas lerne. Da habe ich einen Englisch- und einen Computerkurs in der Stadt besucht. Er hat mir versprochen, mich später in die Schweiz zu holen. Ich könne die Tochter von seinem Freund heiraten. Ich wollte gerne in die Schweiz gehen und habe ja gesagt. Ich habe dann meine zukünftige Frau in Jaffna kennengelernt, und wir haben geheiratet. Ich bin einige Monate später in die Schweiz gereist und habe zuerst als Küchenhilfe gearbeitet, nach einem Jahr als Hilfskoch.

Wir erwarten jetzt ein Kind und freuen uns sehr darauf. Ich wünsche ihm, dass es ein ruhiges und gutes Leben hat.


Lesetext (PDF)
Bildporträt gross (PDF)