Reto aus der Schweiz

Ich heisse Reto, bin 33 Jahre alt und lebe in Luzern. Ich bin verheiratet und habe ein Kind.

Ich bin in der Nähe von Zürich aufgewachsen, mit 2 Brüdern und einer Schwester. Wir sind in das kleine Haus von meinem Grossvater gezogen, nachdem er gestorben war. Einer meiner Brüder war behindert. Meine Eltern haben sich sehr um ihn gekümmert, denn er brauchte viele Therapien. Sie haben uns andere Kinder manchmal ein bisschen vergessen. Das war schwierig, doch auch gut: Ich und mein zweiter Bruder waren stundenlang im Wald, haben Höhlen gebaut, Tierspuren gesucht oder sind auf Bäume geklettert. Wir waren am Abend immer total dreckig, und meine Mutter hat mit uns geschimpft. Meine Schwester war manchmal eifersüchtig, weil wir sie nie mitgenommen haben.

Mein Vater hat in einem Büro gearbeitet. Meine Mutter war Hausfrau. Früher hatte sie als Gärtnerin gearbeitet, doch das war nicht mehr möglich mit meinem behinderten Bruder. Wir hatten einen wilden Garten mit vielen Blumen, Bäumen und Sträuchern. Wir Kinder mussten oft helfen: Unkraut jäten, Rasen mähen, Blumen giessen. Das haben wir nicht gerne gemacht. Meine Mutter hat uns manchmal ein Zweifrankenstück in die Hand gedrückt. Mein Vater war dann ein bisschen böse. Er hat gesagt: «Wir sind eine Familie, alle müssen etwas helfen, und niemand wird dafür bezahlt!» Meine Eltern hatten oft Diskussionen über Erziehungsfragen. Mein Vater war sehr streng, mit vielen Prinzipien, meine Mutter eher locker.

Ich glaube, meine Eltern hatten sich gern . Wenn ich im Bett lag, habe ich durchs offene Fenster gehört, wie sie im Garten miteinander gesprochen haben. Sie haben sich erzählt, wie ihr Tag war, oder über etwas gelacht. Dann war ich glücklich und konnte sofort einschlafen. Ich bin mit 7 Jahren in die Schule gekommen. Es hat mir gar nicht gefallen: das Stillsitzen, das Schönschreiben, die strenge Lehrerin. Ich wollte nach einer Woche wieder aufhören und habe jeden Tag geweint. Meine Mutter war verzweifelt. Sie hat viel mit mir gesprochen, doch es hat nichts genützt. Ich musste dann zu einer Schulpsychologin und viele Tests machen. Auch sie hat lange mit mir gesprochen. Wir haben daraufhin mit der Lehrerin abgemacht, dass ich ums Schulhaus rennen darf, wenn ich nicht mehr still sitzen kann. Die Schule ist eine Qual geblieben, und die Noten waren schlecht. Ich war froh, trotzdem eine Lehrstelle als Gärtner zu finden. Mein Lehrmeister hatte Verständnis für mich, und ich habe den Lehrabschluss knapp bestanden!

Als ich 14 Jahre alt war, ist mein behinderter Bruder gestorben. Wir hatten gewusst, dass er nicht alt wird. Doch ich habe nie gedacht, dass er uns so fehlen würde! Ich vermisste alles – sogar seinen Rollstuhl und die Hilfsmittel zum Essen und Trinken. Es wurde sehr ruhig an unserem Familientisch. Vater hat fast nichts mehr gesprochen. Niemand hat seine Trauer gezeigt. Meine Mutter hat später angefangen, im Altersheim zu arbeiten.

Nach dem Lehrabschluss habe ich meinen Militärdienst gemacht und bin dann für ein Jahr nach Kanada gegangen. Ich habe dort auf einer Farm gearbeitet. Zurück in der Schweiz, hatte ich ein Krise: Alles war zu klein und zu eng. Ich hatte keine Arbeit und habe angefangen, Drogen zu nehmen. Das war nicht gut. Erst als ich meine Frau kennenlernte, hatte ich die Kraft, damit aufzuhören und wieder regelmässig zu arbeiten. Vor einem Jahr bin ich Vater geworden. Das ist ein unglaubliches Gefühl!

Ich wünsche mir für mein kleines Mädchen, dass es stark wird und seinen Weg findet.


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