Salomon aus Eritrea

Ich heisse Salomon, bin 31 Jahre alt und lebe seit 10 Jahren in Bern. Ich bin verheiratet und habe 4 Kinder.

Ich bin in einer kleinen Stadt in der Nähe von Asmara aufgewachsen mit 2 älteren Brüdern und einer jüngeren Schwester. Wir lebten in einem kleinen Haus. Meine Mutter war Hausfrau. Mein Vater arbeitete als Elektriker in Asmara. Sein Lohn war sehr klein. Meine Eltern hatten deswegen oft Streit. Mein Vater kam am Abend immer spät nach Hause. Er wollte dann sein Essen und seine Ruhe haben. Wir Kinder durften nicht sprechen. Am Wochenende war er selten zu Hause. Er hat Karten gespielt oder seine Eltern besucht. Meine Schwester war sein Lieblingskind. Wenn er Süssigkeiten aus der Stadt brachte, hat sie immer mehr davon bekommen als wir. Manchmal hat sie dem Vater unsere Geheimnisse verraten, und wir wurden geschlagen. Sie war wirklich eine kleine Hexe! Meine Mutter war sehr lieb und hat uns nie geschlagen. Meine Brüder haben ihr nicht gehorcht und ihr nie geholfen. Oft habe ich dann für meine Mutter die Einkäufe vom Markt nach Hause getragen.

Mit 7 Jahren bin ich in die Schule gekommen. Es gefiel mir nicht. Meine Augen waren schon damals schlecht, und ich konnte nicht lesen, was an der Wandtafel geschrieben war. Deshalb habe ich oft nicht verstanden, um was es ging. Ich habe meine Hausaufgaben selten gemacht. Das hat immer wieder Streit mit meinem Vater gegeben. Er schrie: «Ich bezahle kein Geld für dich, wenn du dir keine Mühe gibst. Geh lieber arbeiten!» Mit 13 Jahren habe ich die Schule verlassen und dann in einer Autowerkstatt gearbeitet. Das war toll.

Der Bruder von meiner Mutter hat in Amerika gelebt. Er hat uns regelmässig Geld geschickt für Kleider und Schulmaterial. Bei einem Besuch hat er mir einmal Turnschuhe mitgebracht. Da war ich sehr glücklich. Ich habe mir vorgestellt, wie ich als «blinder Passagier» auf einem grossen Schiff nach Amerika gehe. Ich habe mit meinem Freund darüber gesprochen. Er hat nur gelacht und gesagt: «Amerika ist zu weit weg und du wirst sterben vor Hunger auf der Reise.» In der Schule habe ich dann auf dem Globus nachgeschaut: Bis nach Amerika war es gar nicht so weit! Mein Freund war 3 Jahre älter als ich. Ich war stolz, dass er mein Freund war. Er hat mir viel erklärt und gezeigt, und manchmal auch bei den Hausaufgaben geholfen.

Als ich 15 Jahre alt war, ist mein Vater bei einem Autounfall gestorben. Ich musste jetzt noch viel mehr arbeiten, um meine Familie zu unterstützen. Auch meine grossen Brüder haben gearbeitet. Dann sind sie beide in den Krieg gegangen. Einer wurde getötet, und der andere kam invalid zurück. Plötzlich waren wir nur noch eine kleine Familie, und ich war der einzige Sohn, der Geld verdienen konnte.

Ich habe mit meinem Onkel in Amerika gesprochen, und wir haben entschieden, dass ich nach Europa gehe. Ich habe mir für den Flug Geld geliehen. Schliesslich bin ich in der Schweiz gelandet. In einem Durchgangsheim habe ich meine zukünftige Frau, eine Eritreerin, kennengelernt. Wir konnten beide vorläufig in der Schweiz bleiben. Wir haben geheiratet. Alle unsere 4 Kinder sind hier geboren.

Ich wünsche mir für meine 3 Söhne und meine Tochter, dass sie gute Schulen besuchen und ein besseres Leben haben als ich.


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