Erziehung

Erziehung – Boden fürs Leben. Erziehungsunterschiede. Orientierung geben. Strafen. Körperstrafen. Erziehungsschwierigkeiten.

Erziehung – Boden fürs Leben
Erziehung ist mehr als Regeln setzen. Um einen guten Boden fürs Leben zu bekommen, benötigt ein Kind Nähe und Körperkontakt, Gebogenheit und Sicherheit, Zuwendung und Zwiesprache, eine anregende Umgebung, Anerkennung der Einzigartigkeit des Kindes, Vertrauen in seine Fähigkeiten und Orientierung. Dies alles zusammen macht Erziehung aus.

Erziehungsunterschiede
Kinder werden unterschiedlich erzogen je nach Zeit, Kultur, Religion oder sozialen Gegebenheiten. Vieles hat sich im letzten Jahrhundert geändert. Lange lag der Fokus der Erziehung darauf, dass die Kinder sich in die bestehende Gesellschaftsgruppe einordnen und gehorchen. Sie sollten baldmöglichst ihren vorbestimmten Platz einnehmen und ausfüllen. Heute legen wir Wert darauf, dass Kinder darin gefördert werden, ihre individuellen Stärken ausbilden zu können. Wir gehen davon aus, dass Erziehung innerhalb einer emotionalen Beziehung geschieht und davon auch abhängig ist. Dabei ist das Kind ebenso gefragt, seine Sicht einzubringen, wie es Aufgabe der Eltern ist, dem Kind Orientierung zu geben, das heisst «Leitplanken» zu setzen. Unterschiedliche Vorstellungen, wie diese Orientierung aussehen soll, führen zu einem manchmal fruchtbaren und manchmal bissigen Diskurs zwischen verschiedenen Fachpersonen oder Eltern. Es ist erstaunlich, wie viele auch sich widersprechende Erziehungsratgeber, Methoden und Regeln kursieren. Ist dies ein Ausdruck dafür, dass der oben angesprochene Wandel noch nicht ganz vollzogen ist?

Orientierung geben
Kinder sind unsere Zukunft – also sollen wir sorgsam mit ihnen umgehen! Kinder sind kooperativ, Kinder sind kompetent. Sie haben den Drang, sich zu entwickeln und sich zu bilden. Dabei stehen sie von Anfang an in enger, auch abhängiger Beziehung zu ihren Bezugspersonen. Zu einem guten Teil geht es in der Erziehung lediglich darum, Kinder in ihren Entwicklungsprozessen nicht zu stören sondern ihnen gute Möglichkeiten zur Entwicklung zu geben. Kinder, die den Alltag mitgestalten dürfen, die ihren wechselnden Bedürfnissen nach Bewegung, Anregung und Ruhe nachgehen dürfen, können sich prinzipiell gut entwickeln. Indem die Eltern über einen grossen Erfahrungsschatz verfügen und Folgen von Handlungen vorausdenken können, wissen sie viel über Chancen und Gefahren. Deshalb beobachten die Eltern die Prozesse des Kindes aufmerksam und geben ihm Orientierung. Sie regeln die Zeitabläufe im Alltag, unterstützen das Kind bei schwierigen Erfahrungen und greifen ein, wenn es gefährlich wird. Sie stellen Regeln auf und vertreten Haltungen. Diese bietet dem Kind nur dann einen hilfreichen Rahmen wenn sie zwar stabil aber dennoch flexibel sind. Der bekannte Kinderarzt Largo umschreibt die erzieherische Herausforderung als «das Kind richtig verstehen und für den Umgang mit ihm das richtige Mass finden».

Strafen
Verhalten sich Kinder nicht wie erwartet und gewünscht, ist das immer eine Herausforderung für die Erwachsenen. Wie dem Kind beibringen, dass es das Nachbarskind nicht mit der Schaufel auf den Kopf schlagen darf? Strafen gelten als Mittel, Kinder zu «besserem» Verhalten zu erziehen. Viele Strafen erreichen jedoch genau das nicht – warum? Strafen können als Massnahmen oder Verhaltensweisen umschrieben werden, welche dem Kind auf unangenehme und klare Art zeigen sollen, dass es gewisse Verhaltensweisen zukünftig nicht mehr zeigen soll. Strafen beinhalten eine gewisse Härte und Entwertung des Kindes. Sie dienen üblicherweise auch als Gefäss für den Ärger der Erwachsenen. Beim Aussprechen einer Strafe zeigen die Erwachsenen sich oft sichtbar verärgert, schreien oder fassen das Kind hart an. Man weiss heute, dass Strafen ein Kind allenfalls dazu bewegen, diesen zukünftig ausweichen zu wollen. Sie bewirken nicht, dass das Kind z.B. nicht mehr schlagen will. Da Strafen dem Kind auch emotional zusetzen, treiben sie es überdies oft in einen (inneren oder äusseren) Widerstand. Dies erschwert nachfolgend den Umgang mit ihm, die Beziehung ist gestört. Sinnvoller ist es, dem Kind zu zeigen, dass es bessere Verhaltensweisen gibt. Diese Verhaltensweisen müssen für das Kind von der Entwicklung her zu bewältigen sein. Das Kind muss genügend Zeit und Raum erhalten, das «bessere» Verhalten einzuüben. Manchmal braucht es auch direkte Unterstützung. Das Wiedergutmachen von negativem Verhalten gehört auch dazu. Manchmal ist dies mit einer Entschuldigung, manchmal mit dem Beheben des Schadens zu machen. Oft ist es an den Eltern, zukünftige Situationen so einzurichten, dass das unerwünschte Verhalten gar nicht mehr vorkommen kann. Eventuell muss im obigen Beispiel das Kind für eine gewisse Zeit seine Schaufel abgeben. Das Kind muss immer spüren können, dass die Anordnungen eine «natürliche» Konsequenz seines Verhaltens darstellen. Es geht nicht darum, das Kind den Ärger der Erwachsenen spüren zu lassen, oder etwas anzuordnen, das «weh» tut. Deshalb sprechen Fachpersonen heute auch lieber von «Konsequenzen» als von «Strafen».

Körperstrafen
Auch in der Schweiz gibt es gemäss Studien viele Kinder – und vor allem kleine Kinder, die geschlagen, geschüttelt, gestossen, gezwickt oder an den Haaren gezogen werden. Gewalt an Kindern ist prinzipiell auch in der Schweiz – wie (noch expliziter) in vielen anderen Ländern – verboten. Es ist wichtig zu wissen, dass das Schlagen von Kindern auf der Ebene der Erziehung nur negative Wirkungen hat: Die Beziehung zwischen schlagender Person und Kind wird nachhaltig gestört; das Kind lernt, Gewalt als eine Lösung für Konflikte einzusetzen; das Kind lernt in diesem Moment kein anderes Konfliktlöseverhalten; geschlagene Kinder sind zumeist schwieriger im Umgang; sie haben vermehrt körperliche und psychische Probleme oder Schwierigkeiten in der Schule und schliesslich wird auch das Selbstwertgefühl des Kindes durch Schläge verletzt, es traut sich weniger zu. Schlagen von Kindern macht keinen Sinn. Es kann sein, dass einer Mutter oder einem Vater in einem stressreichen Moment die «Hand ausrutscht». Wichtig ist die Reaktion danach. Eltern können sich entschuldigen, sie können zusammen mit dem Kind anschauen, was zum Eskalieren der Situation geführt hat und sie können gemeinsam für ein nächstens Mal einen besseren Ablauf überlegen.

Erziehungsschwierigkeiten
Schwierigkeiten in der Erziehung sind normal, erziehen bedeutet schwere Arbeit. Es gilt gleichzeitig feinfühlig und klar zu sein, aufmerksam und liebevoll. Persönliche Schwierigkeiten sollen nicht auf dem Kind abgeladen werden. Dabei prallen immer da, wo Beziehungen sind, auch verschiedene Bedürfnisse aufeinander. Zudem sind Erziehungsschwierigkeiten zu erwarten, weil die kindliche Entwicklung Krisen beinhaltet. Das Erziehungsverhalten muss den Schritten des Kindes überdies immer wieder neu angepasst werden. Schwierigkeiten können am besten gelöst werden, wenn Eltern einen Schritt zurück machen und die Situation genau überdenken. Was sind meine Anliegen? Was sind die Anliegen des Kindes? Was funktioniert nicht? Dies sind Fragen, die Erziehungspersonen sich selbst stellen und die auch mit dem Kind besprochen werden können. Oft fühlen sich Kinder – wie Erwachsene auch – entlastet, wenn sie Schwierigkeiten in einer ruhigen Atmosphäre besprechen können. Sie müssen dabei die Gewissheit haben, dass ihre Meinung akzeptiert und gehört wird. Eventuell benötigen Erziehungspersonen manchmal auch den Blick einer aussenstehenden Person. Dies kann der Partner, die Freundin oder eine fachliche Erziehungsberatung sein. Manchmal hilft auch das Wissen darum, dass Erziehung viel Gelassenheit und eine grosse Portion Humor benötigt, durch schwierige Phasen mit dem Kind.

weiterführende Literatur:
  • Juul, J. (1996, Neuübersetzung 2000). Dein kompetentes Kind. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
  • Largo, R. (2000). Kinderjahre. München: Piper.
  • Schöbi, D. & Perrez, M. (2005). Bestrafungsverhalten von Erziehungsberechtigten in der Schweiz.
  • Forschungsbericht
  • Nr. 66.
  • Zeitschrift «undKinder» Nr. 80. Kleine Kinder strafen? Zürich: MMI, 2007.
  • Zimmer, K. (2002). Widerstandsfähig und selbstbewusst. München: Kösel.