Familie

Familien im Wandel. Familien früher. Idealisierte Familie. Rolle der Kinder. Kinder geschiedener Eltern. Ein Beispiel.

Familien im Wandel
In der Schweiz wird heute fast jede zweite Ehe geschieden. Bei einem Grossteil sind minderjährige Kinder mitbetroffen. Neu entstehen daraus Familien mit alleinerziehenden Müttern und Vätern oder zusammengewürfelte Familien, so genannte «Patchworkfamilien». Auch ohne Scheidungsgrund werden heute unterschiedlichste alternative Familienformen gelebt, wie etwa die «Regenbogenfamilie» (Kinder homosexueller Paare) oder das Aufziehen der Kinder in einer Wohngemeinschaft. Die Anzahl der Kinder pro Familie verändert sich und hat insgesamt in den letzten Jahrzehnten abgenommen – heute gibt es gerade in städtischen Gebieten viele Eltern mir lediglich einem Kind. Familien mit eingewanderten Eltern haben tendenziell mehr Kinder als Schweizer Familien.

Familien früher
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Vielfalt der gelebten Familienformen neu ist. Zwar liessen sich früher weniger Eltern scheiden, es gab aber andere Gründe für auseinandergerissene und zusammengewürfelte Familien oder abwesende Väter und Mütter. Die Weltkriege kosteten vielen Familienvätern das Leben, Mütter blieben alleinerziehend zurück. Aufgrund der geringeren medizinischen Versorgung starben mehr Kinder aber auch Mütter bei der Geburt eines Kindes als heute. Oft übernahm eine Stiefmutter den Platz der Mutter, Stiefgeschwister wuchsen zusammen auf. Kinder aus armen Familien wurden in fremde Familienbetriebe verdingt, weil die familiären Einkünfte nicht für alle ausreichten. In wohlhabenden Familien lebte das Personal (Knechte, Mägde, Zimmermädchen und Ammen) zusammen mit der Familie. Der Mangel an Wohnraum sorgte dafür, dass mehrere Generationen von Familienmitgliedern die Wohnung teilten. Fehlende staatliche Sozialhilfe verlangte die Aufnahme und Unterstützung zusätzlicher Familienmitglieder. Aus diesen vielfältigen Gründen gab es in früheren Zeiten ganz unterschiedliche Familienformen, die jeweils einen lebendigen Austausch und vielfältige Erfahrungen ermöglichten, aber auch mit besonderen Schwierigkeiten einhergingen. Dies ist für die Vielfalt heutiger Familienformen nicht anders.

Idealisierte Familie
Oftmals wird in einer Gesellschaft und während einer bestimmten Epoche eine bestimmte Familienform idealisiert und zum Modell für die «richtige Familie» erhoben. Die Gesetze sowie andere gesellschaftliche Bedingungen oder Unterstützungsangebote sind darauf zugeschnitten. Was innerhalb und zwischen Familien als üblich gilt, wird ebenfalls am Ideal bewertet. Andere Familienformen werden als unvollständig oder seltsam und allenfalls unterstützungswürdig entwertet. Wie Darstellungen in Film oder Werbung zeigen, kann bei uns sicherlich die Kleinfamilie als idealisierte Familienform betrachtet werden: Vater und Mutter leben ohne andere Erwachsene zusammen mit ihren (wenigen) Kindern. Es ist schade, dass verschiedenartige familiäre Erfahrungen nicht höher bewertet werden. Denn sie gestalten die Gesellschaft vielfältiger, sie erweitern den Erfahrungshorizont der Menschen und ermöglichen das Erlernen unterschiedlicher sozialer Kompetenzen. Viele Künstler und andere erfolgreiche Personen stammen aus nonkonformen Familien! Obwohl die Kleinfamilie seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bei uns als «Normalfamilie» gilt, hat sich die Rollen- und Aufgabenteilung von Müttern, Vätern und Kindern auch in di eser Familienform verändert.

Rolle der Kinder
Bis vor etwa hundert Jahren wurde Kindern grossen Wert darin beigemessen, dass sie die Familie weiterführten und stabilisierten. Möglichst bald mussten Kinder im Haushalt, im Familienbetrieb oder bei den finanziellen Einkünften zur Existenzsicherung der Familie mithelfen. Welchen Beruf ein Kind wählen oder welchen Ehepartner es später heiraten sollte, bestimmten die Eltern oder andere Erwachsene der Familie. Den Knaben und Mädchen kamen dabei abhängig vom Geschlecht meist klare Rollen zu. Alles diente dazu, die Familie weiter zu etablieren und zu sichern. Dies war auch notwendig, da staatliche Sozialleistungen nicht gut ausgebaut waren. Kinder konnten sich in der ihnen zugedachten Rolle wichtig und gebraucht fühlen. Die familiären und gesellschaftlichen Bedürfnisse wurden allerdings bei Kindern nicht selten auch mit Gewalt (Druck, Zwang, Körperstrafen) durchgesetzt. Befand sich eine Familie in einer «Mangelsituation» (Armut, fehlendes Elternteil, kein soziales Ansehen), dann gab es für Kinder kaum Unterstützung – im Gegenteil, diese litten unter den Missständen am ärgsten. Heute spielen bei uns Gedanken der familiären Sicherung weniger eine Rolle. Kindern unserer Zeit wird zugestanden, dass sie eigene Persönlichkeiten sind, die ihren individuellen Platz suchen und finden dürfen. Dabei sollen sie aufgrund ihres Kindseins spezielle Beachtung, Förderung und Schutz erhalten. Bildung wird für Knaben und Mädchen gross geschrieben. Talente werden erkannt und gefördert. An vorbestimmten Aufgaben, die das Leben strukturieren und stabilisieren könnten, fehlt es hingegen. Dies führt für manche Kinder dazu, dass sie zwar kaum Möglichkeiten haben, sich innerhalb und ausserhalb der Familie als nützlich zu erleben, aber punkto Ausbildung unter einem enormen individuellen Leistungsdruck stehen. Grosse Bedeutung kommt heute auch der emotionalen Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern zu. Beides, der Erfolgsdruck wie die emotionalen Ansprüche können dazu führen, dass Kinder zu wenig Freiraum erhalten, um tatsächlich ihren eigenen Weg gehen zu können. Auch eine stressreiche Umwelt, viel Verkehr und Lärm sowie wenig Platz zum Spielen setzen Kinder heute unter Druck. Allgemein hohe Ansprüche an den Lebensstandard drängen ausserdem Kinder von Eltern mit geringeren finanziellen Mitteln schnell an den Rand der Gesellschaft.

Kinder geschiedener Eltern
Ein Kind getrennter oder geschiedener Eltern zu sein ist eine Erfahrung, die heute viele Kinder machen. Die Nachscheidungsfamilie bietet dem Kind – wie jede Familienform – eine Vielfalt an Erfahrungsmöglichkeiten an. Studien zeigen jedoch, dass Kinder vor und während der Trennungsphase zumeist erheblich belastet sind. Unsicherheiten darüber, wie es für sie weitergeht, der befürchtete Verlust eines Elternteils, die emotionale Belastung der Eltern oder ein notwendig gewordener Wohnortwechsel setzen ihnen zu. Halten die elterlichen Konflikte länger an, geraten Kinder in eine Zwickmühle. Sie müssen sich mit widersprüchlichen Wünschen und Gefühlen gegenüber ihren Eltern auseinandersetzen. Es entstehen einengende Koalitionen und Situationen, in denen Kindern zu viel Solidarität und Verantwortungsübernahme abverlangt werden. Eigene Wünsche können nicht mehr einfach ausgesprochen werden und gehen unter. Manchmal reagieren Kinder auf solche Situationen mit Lernproblemen in der Schule, mit Krankheiten oder mit psychischen Symptomen. Auch besonders schwieriges Verhalten kann die Folge sein. Eltern können ihren Kindern dabei helfen, während der Trennungsphase nicht allzu sehr unter Druck zu geraten. Sie können sie entlasten, in dem sie ihnen die Liebe und weitere Fürsorge beider Elternteile ermöglichen. Sie können darauf achten, dass die Kinder ihren eigenen Alltag und ihr eigenes Lebensumfeld möglichst bewahren können. Unbedingt wichtig ist, dass die Anliegen und Wünsche der Kinder in die anstehenden familiären Entscheidungen mit einbezogen werden. Kinder haben oft gute Ideen für die Gestaltung ihrer eigenen Lebenssituation. Auch die Unterstützung durch Aussenstehende hilft Kindern in solchen Situationen – sei dies durch Freunde, durch eine erwachsene Vertrauensperson oder durch die Teilnahme an einer Gruppe für Scheidungskinder.



Ein Beispiel
«Nils hat die ersten elf Jahre allein mit seiner Mutter gelebt, weil seine Eltern sich kurz nach seiner Geburt getrennt hatten. Sein Vater wohnt unterdessen in Berlin und Nils verbringt die Ferien meist bei ihm. Nun zieht die Mutter mit einem neuen Partner zusammen, der bereits Vater von Sina, 12-jährig, und Damian, 15-jährig ist. Sina und Damian sind jedes zweite Wochenende bei ihrem Vater, dazu ein Mittagund ein Abendessen unter der Woche. Als Nils 14 Jahre alt wird, bekommt seine Mutter zusammen mit ihrem neuen Partner Zwillinge, Paula und Mina. Nun gibt es Tage, da hat Nils das Gefühl, dass es in der Wohnung nur so wimmelt von Kleinkindern und Jugendlichen. Meist lädt er dann selbst noch einen Freund zu sich ein. Die Erwachsenen haben alle Hände voll zu tun, um eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten. Dazwischen liegen Tage, an denen Nils mit seinen zwei kleinen Halbschwestern zu Hause ist. Und dann gibt es noch ganz ruhige Zeiten in den Ferien, die er allein mit seinem Vater verbringt. Nils möchte eigentlich nichts von alldem missen.» (in: Trachsel. Scheidung. S.243).