Kinderbetreuung – Familienergänzende Betreuung

Betreuung, Beziehung und Bindung. Bezugspersonen. Familienergänzende Betreuung in der Krippe. Erstes Getrenntsein von den Eltern. Wenn ein Kind sich nicht einlebt.

Betreuung, Beziehung und Bindung
Kinder brauchen zum Aufwachsen Liebe, Anregung, Fürsorge, Pflege und Sicherheit. Zumindest bis ins mittlere Schulalter benötigen sie dazu Personen, die ihnen vertraut erscheinen, die jederzeit verfügbar sind und die verlässlich auf ihre Bedürfnisse und Anliegen reagieren. Wie wichtig eine Betreuungsperson für das Kind wird, hängt sowohl davon ab, wieviel Zeit die Beiden miteinander verbringen als auch davon, wie feinfühlig und konstant die Betreuungsperson auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen kann. Entwickelt sich die Beziehung genügend intensiv und gut, kann das Kind die Betreuungsperson als Bezugsperson wahrnehmen. Es bindet sich dann an diese Person, das heisst, es sucht in schwierigen Situationen Schutz bei dieser Person. Bereits Säuglinge sind in der Lage, mehrere unterschiedliche Bindungen an verschiedene Bezugspersonen zu entwickeln. Sind diese einzelnen Bindungen genügend stabil, kann das Kind auf diese Weise viele wertvolle Beziehungserfahrungen machen. Es gibt sehr unterschiedliche Formen, sich einem Kind als Gegenüber anzubieten und auf seine Äusserungen zu reagieren. Zum Beispiel ärgert sich eine Mutter, wenn ihr Kind beim Wickeln stark strampelt und unterbindet dies. Die Grossmutter hingegen freut sich über die Lebendigkeit des Kindes und macht aus dem Strampeln ein Spiel. Mehrere Bezugspersonen erhöhen auch das Sicherheitsgefühl des Kindes, weil es weiss, dass mehrere Personen ihm helfen, wenn es in Not kommt. 

Bezugspersonen
Oft übernimmt die Mutter den Hauptanteil der Betreuung eines Kindes und besetzt damit auch die erste und wichtigste Position als Bezugsperson für das Kind. Manchmal richten es Eltern so ein, dass Vater und Mutter sich gegenseitig in der Kinderbetreuung abwechseln. Kinder können dann zu beiden Elternteilen wichtige Beziehungen und starke Bindungen aufbauen. Daneben werden auch ältere Geschwister für ihre jüngeren Schwestern und Brüder zu Bezugspersonen und übernehmen nicht selten auch konkrete Betreuungsaufgaben. Sie trösten das Kind, reichen ein Spielzeug und lenken es ab. Manchmal werden ältere Geschwister «vollwertig» bei der Betreuung ihrer jüngeren Geschwister eingesetzt. Dies kann für alle Geschwister sehr bereichernd sein, es besteht dabei jedoch auch die Gefahr, dass die älteren Geschwister durch die ihnen übertragenen Betreuungsaufgaben überfordert werden, nicht adäquat mit den kleineren Kindern umgehen und/oder in ihrer eigenen Entwicklung behindert werden. Sehr oft übernehmen Grosseltern Aufgaben in der Kinderbetreuung. Es hat sich gezeigt, dass die Unterstützung der Grosseltern viel zur Stabilität und Gesundheit einer Familie beiträgt. Eltern zeigen sich insgesamt weniger belastet, wenn sie sich unterstützt fühlen. Es sind aber klar nicht nur Familienmitglieder, die bei der Kinderbetreuung eine wichtige Rolle spielen. Befreundete Personen, Nachbarn, Erwachsene aus dem Bereich der Freizeitgestaltung und insbesondere Fachpersonen in Kindertagesstätten, Kindergarten und Schule haben einen grossen Anteil an der Betreuung der Kinder. Auch sie werden sehr oft zu bedeutsamen Bezugspersonen. Ausschlaggebend dafür, wie wichtig eine Person für ein Kind wird, ist ihr echtes Interesse am Kind und an seiner Befindlichkeit, seinen Vorstellungen, Fragen, Wünschen und seiner Entwicklung. Bei jüngeren Kindern spielt die zeitliche Verfügbarkeit der Bezugsperson eine grosse Rolle. Bei älteren Kindern kann auch eine Person, die zeitlich nicht viel anwesend ist, für das Kind als Bezugsperson wahr genommen werden. 

Familienergänzende Betreuung in der Krippe
Die Betreuung in einer Krippe (Kindertagesstätte) bietet einem kleinen Kind gute Entwicklungsmöglichkeiten. Soziale Kontakte können in den verschiedensten Formen geübt werden und andere Kinder – Gleichaltrige wie auch Kinder anderer Altersgruppen – stehen als Spielkameraden zu Verfügung. Das Fachwissen der Betreuenden und die vielen Spielangebote einer Krippe erlaubt eine gute frühe Förderung des Kindes, wie es in den familiären vier Wänden nicht immer möglich ist. Die in einer Kinderkrippe anwesenden Fachpersonen können bei Bedarf auch die Eltern zu Erziehungsfragen beraten und für die ganze Familie zu wichtigen Ansprechspartnern werden. Kindern, die fremdsprachig aufwachsen, bietet die Krippe eine gute Möglichkeit, die hiesige Sprache früh zu lernen. Die Betreuung eines Kindes in einer Krippe kann also der ganzen Familie auf vielen Ebenen einen Gewinn bringen. Insbesondere können die frühkindlichen Bildungschancen für Kinder aus sozial benachteiligten und/oder fremdsprachigen Familien erhöht werden. Gewisse Grundvoraussetzungen allerdings benötigt ein Kind, um sich in einer Krippe wohl zu fühlen: Die Betreuungspersonen müssen fachlich genügend ausgebildet sein, um mit den Herausforderungen der Betreuung von mehreren Kindern gut zurecht zu kommen. Sie müssen über kindliche Bedürfnisse in verschiedenen Entwicklungsstufen Bescheid wissen. Sie müssen die Fähigkeit besitzen, sowohl individuell auf ein Kind eingehen zu können als auch die Kindergruppe als Ganzes zu fördern. Das Kind muss die Möglichkeit haben, zu (mindestens) einer Betreuungsperson in der Krippe eine intensive Beziehung aufbauen und sie als verfügbar und vertraut erleben zu können. Das heisst, auch in der Krippe müssen Kinder Bezugspersonen haben und zu diesen stabile Bindungen aufbauen können. Darüber hinaus müssen die Räumlichkeiten und die Spielangebote den Bedürfnissen der Kindergruppe angepasst sein. Vor allem zu Anfang benötigt das Kind auch die aktive Unterstützung seiner Eltern, damit es sich in die Krippe einleben und sich dort wohlfühlen kann. 

Erstes Getrenntsein von den Eltern
Die Betreuung eines Kindes ausserhalb der Familie – also die familienergänzende Betreuung – ist zugleich die Situation, in der ein kleines Kind lernt, mit der Trennung von der Hauptbetreuungsperson umzugehen. Wird diese Erfahrung zum ersten Mal gemacht, kann das beim Kind grosse Ängste und Unsicherheiten hervorrufen. Das Kind befürchtet möglicherweise, die ihm wichtige Person nie mehr zu sehen, fühlt sich unsicher im Umgang mit ihm fremden Personen und überfordert durch die vielen neuen Eindrücke. Nun kann es lernen, dass Trennungen von den Eltern jeweils nur vorübergehend sind. Es kann erkennen, dass Trennungen nicht schmerzhaft sein müssen, wenn sie überblickbar sind. Es kann erleben, dass es auch mit anderen Personen vertraut und schön ist und es ebenso von diesen Personen Unterstützung erhält. Und das Kind kann erfahren, dass Selbständigkeit spannend ist. So wird es neugierig auf die Welt ausserhalb seiner Familie. Vor allem für kleine Kinder ist es wichtig, dass die Erwachsenen sich dem Prozess der ersten Trennung von den Eltern (Hauptbetreuungspersonen) annehmen und es aktiv darin begleiten. Sie sollen das Kind ermutigen, dass eine Trennung nichts Schlimmes ist und dass sie dem Kind zutrauen, diese zu bewältigen. Das Kind soll genügend Zeit erhalten, die Trennung vollziehen zu können und sie zu üben. Beim Einleben in eine Krippe oder an einem anderen neuen Ort soll es Übergangszeiten geben, in denen das Kind den Ort in Anwesenheit der Mutter oder des Vaters erkunden kann. Sind erste Trennungserfahrungen positiv bewältigt, wird es für Kinder einfacher, nächste solche Schritte weg von den Eltern zu machen. Das verhilft dem Kind zu einer guten Entwicklung in Richtung Eigenständigkeit. 

Wenn ein Kind sich nicht einlebt …
Für ein Kind ist es notwendig, dass die Gestaltung seines Alltags auf sein Wohlbefinden abgestimmt wird. Das heisst auch für die familienergänzende Betreuung, dass Eltern und Fachpersonen sorgfältig beobachten müssen, ob das Kind sich prinzipiell wohl fühlt. Vielfach zeigen Kinder verschiedene Befindlichkeiten, je nach dem, ob die Trennung von den Eltern bevorsteht, ob sie mit Fachpersonen zusammen sind oder ob sie sich gerade ins Spiel mit anderen Kindern vertiefen. Wenn Eltern und Fachpersonen regelmässig miteinander über ihre Wahrnehmungen sprechen, können Beunruhigungen entkräftet und Verständnis gefördert werden. Beispielsweise machen sich Eltern oft Sorgen, wenn sie regelmässig ein weinendes Kind abgeben oder übernehmen müssen. Diese Sorgen können sich auflösen, wenn die Eltern hören, dass das Kind, sobald es in der Krippe angekommen ist, fröhlich ist und erst wieder zu weinen beginnt, wenn es am Abend im Spiel unterbrochen wird. Manchmal wird in Gesprächen aber klar, dass das Kind sich effektiv mit der Situation der familienergänzenden Betreuung augenblicklich nicht wohl fühlt. In solchen Fällen ist es wichtig zu klären, was geändert werden kann, damit das Kind zufriedener wird. Auch kleine Kind können bei Überlegungen dazu einbezogen werden. Sie geben im Gespräch oft wertvolle Hinweise, was sie benötigen, um sich an den verschiedenen Orten und bei den Übergängen wohl zu fühlen. Manchmal braucht es lediglich kleine Änderungen, wie beispielsweise zuhause etwas mehr Zeit am Morgen bevor das Kind in die Krippe geht. Wichtig zu wissen ist, dass Kinder oft verunsichert reagieren, wenn für sie die alltäglichen Abläufe nicht überblickbar sind. Personen und Orte der familienergänzenden Betreuung müssen für sie überschaubar sein (nicht zu viele verschiedene Personen/Orte) und sie müssen die Möglichkeit erhalten, sich auf die verschiedenen Orte bereits im Vornherein einstellen zu können. Am besten hilft hier das abendliche Gespräch darüber, was am folgenden Tag geplant ist. 

weiterführende Literatur:
  • Brisch, Mögel, Simoni, von Kalckreuth, Kruppa (2008). Verantwortung für Kinder unter drei Jahren. Empfehlungen der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH) zur Betreuung und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern in  Krippen. www.gaimh.org. Bürgin, Dieter (Hrsg.) (1998). Triangulierung. Der  Übergang zur Elternschaft. Stuttgart: Schlattauer. Sommer-Himmel, Roswitha (2001).  Grosseltern heute: betreuen, erziehen, verwöhnen. Bielefeld: Kleine Verlag.
  • Steinhardt (Hrsg.) (2002). Die Bedeutung des Vaters in der frühen Kindheit. Giessen: Psychosozial-Verlag.
  • Zeitschrift «und Kinder» Nr. 83. Säuglinge – kompetent und bedürftig. Zürich: MMI, 2009.