Kommunikation und Sprache

Kommunikation als Grundlage der Menschheit. Verbale und nonverbale Kommunikation. Missverständnisse. Sprachlernen. Sprachschwierigkeiten bei Kindern. Mehrsprachigkeit und kulturelle Integration.

Kommunikation als Grundlage der Menschheit
Menschen brauchen andere Menschen zum Leben. Damit wir zusammen im Kontakt sein und uns gegenseitig unterstützen können, teilen wir uns mit – wir kommunizieren. Dabei geht es um ganz viel: Informationen werden ausgetauscht, Gefühle mitgeteilt, Zuneigung gezeigt und Konflikte werden offenbart. Über Kommunikation entwickeln wir unsere Identität und erhalten Rückmeldungen für unser Verhalten. Mittels Kommunikation entsteht ein gemeinsamer Raum, in dem sich die Aufmerksamkeit aller Beteiligten bündelt – zusammen entsteht in symbolisierter Form Neues. Die Sprache ist nur ein kleiner Teil des gesamten Spektrums davon, wie Kommunikation geschieht, wenn auch ein wichtiger.

Verbale und nonverbale Kommunikation
Auch wenn der verbale Austausch – die Sprache – einen wichtigen Platz in der zwischenmenschlichen Kommunikation einnimmt, so besteht diese immer aus sehr viel mehr. Primär achten wir in einem Gespräch nicht nur auf die Wörter und Sätze als solche, sondern ebenso auf die Tonlage und Lautstärke oder auf die Schnelligkeit und Deutlichkeit, in der gesprochen wird. Weitere grundlegende Zusatzinformationen erhalten wir aus Mimik, Gestik, Körperhaltung, Hautbeschaffenheit und Geruch eines Menschen. Dies alles registrieren wir ganz automatisch und müssen uns nicht speziell darauf konzentrieren. Das Gesagte wird mit nonverbalen Informationen bereichert, relativiert oder gar als Lüge entlarvt. Man erhält auch entscheidende Hinweise auf die Gefühlslage des Gegenübers. Ein Kind, das erkennt, dass seine Lehrerin vor Wut fast platzt – sie ist rot im Gesicht, schwitzt, ihre Gesten sind ruckartig, ihre Augen verengt, das Kinn vorgeschoben und die Aussprache laut und gepresst – kann bessere Entscheidungen für sein nachfolgendes Verhalten treffen. Witz, Ironie und Zynismus können mit nonverbalen Zusatzinformationen erst richtig verstanden werden. Eine ausschliesslich auf geschriebene Wörter reduzierte Kommunikationsform wie etwa das «Chatten» im Internet bleibt deshalb unvollständig, grundlegende Informationen kommen nicht durch. In Bildern, Musik und Tanz wird vorgeführt, dass Kommunikation auch ganz ohne Worte möglich ist. Für kleine Kinder die noch nicht sprechen können und für Menschen, die aufgrund einer Behinderung die Sprache als Kommunikationsmittel nicht oder nur ungenügend erlernen können, nimmt die nonverbale Kommunikation eine lebenswichtige Rolle ein. Laute, Gesten, Zeichensprache, Ausdruck über Zeichnungen und Bewegungen, Erfühlen und Zeigen ersetzen sprachliche Lücken.

Missverständnisse
Nicht immer wird genügend verstanden, was das Gegenüber sagen oder ausdrücken will. Missverständnisse in der Kommunikation sind zu erwarten und Probleme können an verschiedenen Orten auftauchen: Eine Person ist sich über das, was sie mitteilen will, nicht ganz im Klaren oder drückt sich undeutlich aus. Aussagen werden fehlinterpretiert oder Mitteilungen erreichen ihr Publikum erst gar nicht. Da Kommunikation innerhalb von Beziehungen stattfindet, ist es entscheidend, wie die Beteiligten zueinander stehen. Menschen, die einen Konflikt miteinander haben, neigen dazu, sich auch bei einfachen Aussagen falsch zu verstehen. Ungünstiges Verhalten in der Gesprächssituation (sich ins Wort fallen, Vorwürfe machen) und starke negative Gefühle und Vorurteile (Wut auf den Anderen, das Gefühl haben, der Andere will Schaden zufügen) verhindern gegenseitiges Verstehen. Hingegen erfassen Menschen die einander zugewandt sind oft ohne Worte ihre Situation. Da Kommunikation eine Gedächtnisleistung darstellt, entstehen auch auf dieser Ebene Verzerrungen, die Missverständnisse produzieren. Die Art, wie jemand Informationen im Gedächtnis erfasst, einordnet, speichert oder abruft und auf welchen Erfahrungshintergrund neue Mitteilungen treffen, beeinflussen das Verständnis einer bestimmten Information entscheidend.

Sprachlernen
Kinder haben ein grosses Interesse daran, Sprache zu lernen. Sie merken bereits als kleine Säuglinge, dass sie Sprache benötigen, um sich den Erwachsenen genügend verständlich zu machen. Im Alter von ein bis eineinhalb Jahren beginnen die meisten Kinder zu sprechen. Als erstes benennen sie Menschen, Tiere, Pflanzen und Gegenstände mit einem Wort. Dann folgen Sätze aus zwei Wörtern. Bis zum vierten Lebensjahr sprechen viele Kinder fliessend, wenn auch teilweise noch nicht ganz deutlich und mit einigen Fehlern. Dabei bedingen sich die Entwicklung der Vorstellung vom eigenen Selbst und der Umwelt sowie das Erlernen von Sprache gegenseitig. Um einen Baum benennen und das Wort in der Sprache benutzen zu können, braucht es eine innere Vorstellung davon. Sobald das Kind eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft aufgebaut hat, kann es auch auf das «Nichtvorhandene» Bezug nehmen. Die Frage «Wo ist Anna?» baut auf der Gewissheit auf, dass es Anna tatsächlich gibt, auch wenn sie nicht zu sehen ist. Dies wiederum ermöglicht es, mit Anna in einem inneren Kontakt zu bleiben, auch wenn sie abwesend ist. Kinder benötigen beim Sprachlernen ein wertschätzendes zuversichtliches Klima. Abschätzige Bemerkungen, Auslachen, ständiges Korrigieren oder Nichtreagieren erschweren den Zugang zur Sprache. Angetrieben vom Bestreben, mit den Menschen der Umgebung im Kontakt zu sein, gelingt es Kindern rein über das Gehör und über die Beobachtung, ein ganzes Sprachsystem von Grund auf zu erlernen. Es ist enorm, welche Leistung damit vollbracht wird und zeugt von unglaublicher Lernfähigkeit und Intelligenz!

Sprachschwierigkeiten bei Kindern
Während einige Kinder im Alter von zwei Jahren bereits unentwegt plappern, warten Eltern von anderen gleichaltrigen Kindern verzweifelt darauf, dass ihr Kind überhaupt zu sprechen beginnt. Ein verspäteter Sprachbeginn muss nicht immer beunruhigen, weil Kinder da sehr verschieden sein können. Dennoch ist es ratsam, bei Zweifeln fachlichen Rat in Anspruch zu nehmen (Kinderärztin, Mütter- und Väterberatung). Manchmal gehen Schwierigkeiten beim Spracherwerb zusammen mit Problemen in der Wahrnehmung, in der Motorik (Bewegung) und beim Spielen. Kinder wirken dann gelangweilt, nervös, beachten Spielsachen nur oberflächlich oder können nicht damit umgehen. Manchmal sind es auch soziale Probleme, welche Kinder dazu bringen, mit dem Sprechen nicht zu beginnen oder später wieder zu verstummen. Viel Streit in der Familie, Gewalterlebnisse oder drastische Änderungen im Alltag eines Kindes können Gründe dafür sein. Da Kinder den Zugang zur Sprache benötigen, um mit den Menschen der Umgebung im Kontakt zu bleiben und wiederum neue Entwicklungsschritte machen zu können, sollen Sprachschwierigkeiten auch bei kleinen Kindern ernst genommen werden. Es existieren verschiedene, auf die spezifischen Schwierigkeiten des Kindes zugeschnittene Therapien. Neben konkreter Förderung geht es dabei insbesondere auch darum, beim Kind das Interesse und die Freude am Sprechen (wieder) zu wecken und entstandene Ängste zu entkräften. Eine gleichzeitige Beratung der Erwachsenen kann helfen, dass wichtige Impulse in den Umgang mit dem Kind aufgenommen werden. Manchmal sind auch ganz konkrete Veränderungen im Alltag des Kindes nötig.

Mehrsprachigkeit und kulturelle Integration
Es wachsen sehr viel mehr Kinder zwei- oder mehrsprachig auf, als gemeinhin angenommen wird. Sich in verschiedenen Sprachen ausdrücken zu können, ist ein Gewinn, sind so doch vielfältigere Kontakte und Erfahrungen möglich. 30 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz hat einen Migrationshintergrund, viele Zugewanderte sprechen eine andere Muttersprache als die vier Landessprachen der Schweiz. Albanisch, Serbisch, Kroatisch, Portugiesisch, Spanisch, Türkisch, Englisch, Tamilisch oder Thailändisch sind neben Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch nur einige der in der Schweiz gesprochenen Sprachen. Ehen unter Menschen mit unterschiedlichem Sprachhintergrund sind sehr häufig. Dies alles führt dazu, dass viele Kinder mit mehreren Sprachen aufwachsen. Das gute Beherrschen einer ersten Sprache hilft dabei, die weiteren Sprachen gleichfalls gut zu erlernen. Es gibt viele Merkmale, die allen Sprachen gemeinsam sind und die deshalb von einer Sprache auf die nächste übertragen werden können. Da Sprachlernen immer mit der Freude am Kontakt und der Lust am Sprechen zu tun hat, ist es wichtig, dass Eltern so mit ihren Kindern sprechen, wie sie sich selbst am wohlsten fühlen – zumeist ist dies die eigene Muttersprache. Freude an der Sprache kann bei Kindern geweckt werden, indem viel und in einer positiven Grundhaltung mit ihnen gesprochen wird. Das Interesse daran, was Kinder bewegt und der Austausch darüber, wie auch das Besprechen von alltäglichen Entscheidungen motiviert Kinder, möglichst gut sprechen zu wollen. In welcher Sprache auch immer – Sprach- und Lautspiele, Verse und Lieder bereichern den sprachlichen Austausch mit Kindern und tragen gleichfalls viel zum Sprachlernen bei. Die hiesige Sprache können Kinder am einfachsten lernen, wenn sie möglichst früh mit anderen Kindern ins Spiel kommen, sei dies bei Nachbarn, auf dem Spielplatz, in der Spielgruppe oder im Kindertagesheim. Mehrsprachige Kinder mischen im Gespräch oft ihre Sprachen. Dies ist für das Sprachlernen nicht so problematisch, wie manchmal dargestellt wird. Vielmehr kann man darin einen kreativen und spielerischen Akt sehen, der die Kommunikation bereichert. Verschiedene Worte können Unterschiedliches ausdrücken – mal passt die eine Sprache besser, dann die andere. Literarische Kunstwerke wie z.B. Emine Sevgi Özdamars «Das Leben ist eine Karawanserei...» dokumentieren dieses Zusammenspiel eindrücklich. Um sicher zu stellen, dass Kinder lernen, sich in jeder ihrer Sprachen gut auszudrücken, kann man darauf achten, dass sie zwischendurch alle Sprachen auch in ihrer reinen Form mitbekommen.

weiterführende Literatur:
  • Diez & Simoni (2008). Zusammenfassung zur wissenschaftlichen Begleitung der Sprachförderung von Kindern mit Mitgrationshintergrund und/oder bildungsfernen Familien – Projekt Spielgruppeplus. Zürich: MMI.
  • Elternbriefe. Zürich: Pro Juventute.
  • Largo, R. (2000). Kinderjahre. München: Piper.
  • Montanari, E. (2002). Mit zwei Sprachen gross werden. München: Kösel.
  • Özdamar, E.S. (1992). Das Leben ist eine Karawanserei … Köln: KiWi.
  • Zollinger, B. (Hrsg., 2000). Wenn Kinder die Sprache nicht entdecken. Bern: Haupt.