Konfliktkultur statt Aggressivität und Gewalt

Konflikte und Aggressionen. Familiale Konflikte. Häusliche Gewalt. Aggressive Kinder. Konflikte lösen.

Konflikte und Aggressionen
Prinzipiell sind Konflikte Ausdruck eines lebendigen Zusammenlebens. Wo verschiedene Meinungen und Interessen aufeinander treffen, müssen sie abgewogen werden. Dies geht selten ohne Spannungen und führt manchmal zu Streit. Es zeugt von sozialer Kompetenz, wenn Menschen sich miteinander auseinander setzen und Lösungen finden können. Damit man eigene Bedürfnisse und Wünsche vertreten und eventuell auch durchsetzen kann, braucht es psychische Energie. Diese wird in einem weiten Sinne «Aggression» genannt. Diese Form von Aggression ist normal und gesund. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist mit dem Begriff der Aggression jedoch meist das Umschlagen dieser gesunden Selbstbehauptung in einen rücksichtslosen und gewalttätigen Umgang mit Anderen gemeint. Charakteristisch dabei ist, dass aggressive Handlungen in diesem Sinne auch von negativen Gefühlen (Wut, Hass, Zorn) bestimmt werden. Wenn ein guter Umgang mit Konflikten fehlt, führt dies zu zerstörerischer Aggressivität oder demütigender Unterordnung und belasten die Menschen sehr.

Familiale Konflikte
Auch wenn niemand gern Streit in einer Familie sieht: Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass es sich in Familien, in denen kaum ein Austragen von Konflikten zu beobachten ist, besser leben lässt. Werden Schwierigkeiten verdeckt oder besteht ein «Streitverbot», führt dies zu einer gespannten Atmosphäre. Eigene Wünsche und Anliegen können in einer solchen Atmosphäre kaum ausgesprochen werden. Den Kindern fehlt die Möglichkeit, einen Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen, mit Durchsetzung und Rücksichtnahme zu lernen. Es wird für sie kompliziert, ihre Identität zu entfalten und Autonomie zu erlangen, da sie sich nicht aktiv abgrenzen dürfen. Seelisches Leiden, depressiver Rückzug oder störendes Verhalten der Kinder sind mögliche Folgen davon. Andererseits bringt das Austragen von Konflikten auch die Gefahr einer hohen Belastung mit sich. Ein Streit füllt den Raum, in dem er stattfindet, ganz aus. Auch wenn kein aggressiver Umgang vorherrscht, bleiben Personen nach einem Streit oft verletzt zurück, ohne dass die Situation geklärt werden konnte. Manchmal steigern sich die Konflikte in einer Familie unkontrollierbar und eskalieren. Gibt es in einer Familie viele Konflikte – sei dies zwischen Geschwistern, zwischen Eltern und Kind oder zwischen Vater und Mutter – ist das für alle Familienmitglieder belastend. In Übergangsphasen, die mit vielen inneren und äusseren Veränderungen einhergehen, führen Konflikte besonders häufig zur Überforderung.

Häusliche Gewalt
Kommt es bei Konflikten zwischen Ehepaaren (Lebenspartnern) zu Gewalt, spricht man von häuslicher Gewalt. Diese kann ganz verschiedene Formen annehmen: Stossen, Schlagen, Einsperren, Bedrohen, Erzwingen von bestimmten – eventuell auch sexuellen – Handlungen sind einige davon. Allen gemein ist, dass sie nicht nur die Beziehung zwischen den Ehepartnern zerstören sondern auch die ganze Familie ausgesprochen stark belasten. Kinder, die in einem Klima von häuslicher Gewalt aufwachsen, sind für ihr ganzes Leben geprägt davon. Dies gilt, ganz gleich, ob sie die Gewalt indirekt erleben und beobachten oder ob sie selbst auch geschlagen werden. Das Zuhause ist kein schützender Ort der Erholung mehr sondern ein Ort, der geprägt ist von Bedrohung und Angst, Macht und Ohnmacht. Die Eltern werden zu bedrohlichen, beziehungsweise bedrohten Figuren und bieten nicht mehr ausreichend Halt und Orientierung. Dabei sind sich Eltern oft nicht im Klaren, wie stark die häusliche Gewalt ihre Kinder beeinträchtigt. Statt sie möglichst davor zu schützen und die Gewalt zu beenden – eventuell auch mit einer Trennung vom Ehepartner – meinen sie, den Kindern Gutes zu tun, wenn sie die Gemeinschaft «den Kindern zuliebe» aufrecht erhalten. Wer regelmässig Gewalt in der Ehe erlebt oder ausübt, soll sich möglichst schnell an eine Beratungsstelle (Gewaltberatungsstelle/ Opferhilfestelle) wenden, um einen Ausweg aus dieser für Alle schädigenden Situation zu finden.

Aggressive Kinder
Kinder sind von Grund auf soziale Wesen und auf eine Gemeinschaft angewiesen. Sie möchten dazu gehören und es den Eltern und anderen Erwachsenen recht machen. In ihrer Entwicklung setzen sie sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinander, erforschen sie, erwerben neue Fähigkeiten und probieren diese aus. Dabei geraten sie nicht selten in Konflikt mit anderen. Auch bei Kindern gilt es nun, zwischen Selbstbehauptung und gewalttätiger Rücksichtslosigkeit zu unterscheiden. Ist es aggressiv im Sinne von gewalttätig, wenn ein zweijähriges Kind ein anderes stösst, um an ein begehrtes Spielzeug zu kommen? Kleine Kinder sind unerfahren und geraten leicht in viele, kleinere und grössere Konflikte. Um sich mitzuteilen setzen sie ihre Stimme, ihre Mimik und ihren Körper ein. Kinder verhalten sich handgreiflich und körperlich angriffig – «aggressiv», wenn sie im Spiel unterbrochen werden, wenn sie Kontakt suchen, wenn sie Langeweile und Einsamkeit vermeiden wollen, wenn sie dominieren wollen oder wenn sie etwas begehren. Je besser sie sprechen lernen und je mehr soziale Kompetenzen sie erlangen, desto mehr gehen in der Regel ihre handgreiflich aggressiven Handlungen zurück. Damit dies tatsächlich geschehen kann, braucht ein Kind eine Umgebung, die auf seine Bedürfnisse ausreichend gut eingeht. Kinder, die in ihren Anliegen oft frustriert werden, die nur sehr eingeschränkt Erfahrungen machen können, die nicht beachtet werden oder die nicht erfahren dürfen, dass sie etwas bewirken können, reagieren oft mit aggressivem Verhalten darauf. Kinder und Jugendliche müssen sich innerhalb und ausserhalb der Familie als nützlich und zugehörig erleben können. Bei Kindern, die von ihrem Naturel her schwieriger sind, ist es für ihre Umgebung besonders herausfordernd, adäquat auf sie zu reagieren. Wenn Eltern in der Erziehung sehr starr sind (Regeln starr und hart durchsetzen), das Kind regelmässig entwerten (es nichts selbst machen lassen, auslachen) oder selbst zur Gewalt greifen (Körperstrafen), sind Kinder speziell gefährdet, ein überdauerndes aggressives Verhalten auszubilden. Das elterliche Vorbild im Umgang mit Konflikten und die Streitkultur in der Familie wirken für Kinder prägend und modellhaft. Zudem können unsichere Lebensbedingungen und das Fehlen von Perspektiven auch bei Kindern und Jugendlichen zu aggressivem Verhalten führen. Familien benötigen deshalb von Aussen Unterstützung und Anerkennung.

Konflikte lösen
Konflikte können gelöst werden, indem sich die Betroffenen in einer möglichst ruhigen Atmosphäre Zeit nehmen, ihre Positionen zu klären. Kommt es zu einem Streit, ist es wichtig, darüber zu sprechen, wenn dieser abgeklungen ist. Alle Beteiligten sollen dabei ihre eigene Sicht und Situation darlegen können. Warum habe ich vorhin die Türe zugeknallt? Warum wurde ich laut? Was hat mich gestört? Weshalb verweigere ich mich? Wie geht es mir? Was macht mir Probleme? Was will und was brauche ich? Welche Regeln des Zusammenlebens sollen gelten? Welche Freiheiten hat jedes einzelne Familienmitglied? Es ist dabei ganz wichtig, dass alle in den Konflikt verwickelten Personen gleichberechtigte Partner werden – dies gilt insbesondere auch für Kinder. Sie sollen in allen Angelegenheiten, die sie betreffen, mitreden können, auch wenn manche Dinge schliesslich die Erwachsenen entscheiden (müssen). Ein Ungleichgewicht darin, wer etwas sagen darf und wer nicht löst keinen Konflikt, es unterdrückt ihn höchstens. Wenn die Positionen geklärt sind, kann man zusammen auf die Suche gehen, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse besser unter ein Dach gebracht werden. Oft ist dies ein Prozess und es braucht mehrere Durchgänge, bis alle (wieder) zufrieden sind. Manchmal gehören auch Entschuldigungen zum Lösen von Konflikten, weil in einem Streit schnell etwas Verletzendes gesagt ist. Dies gilt besonders für die Erwachsenen. Grundsätzlich tragen sie nämlich in jeder Situation mehr Verantwortung als die Kinder, die ja den Umgang mit Konflikten erst am Lernen sind. Manchmal müssen Kinder auch darüber belehrt werden, dass sie die Entscheidungen der Eltern oder anderer, die für sie verantwortlich sind, respektieren müssen. Auch dies soll und kann ohne Demütigung erfolgen. Wenn Menschen sich respektiert und in ihren Anliegen und Wünschen wahrgenommen fühlen, kann sich ein bereicherndes Zusammenleben entwickeln. Und damit dies alles nicht so ernst und schwer sein muss: Zusammen lachen, löst vieles!

Weiterführende Literatur:
  • Brunner, S. (2008). Kinder inmitten häuslicher Gewalt. In: Frauenfragen 2.2008: Häusliche Gewalt. Bern: Eidgenössische Kommission für Frauenfragen.
  • Dittrich et al. (1996). Konflikt, Aggression, Gewalt in der Welt von Kindern unter dem Blick der Wissenschaft. München: Deutsches Jugendinstitut.
  • Haug-Schnabel, G. (2009). Aggression bei Kindern. Freiburg i.B.: Herder.
  • Hillenbrand, C. Hennemann, T. (2005). Prävention von Verhaltensstörungen im Vorschulalter. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete 74/2, 129 – 144.
  • Juul, J. (Neuübersetzung 2009). Das kompetente Kind. Reinbek: Rowohlt.
  • Kavemann & Kreyssig (Hrsg., 2006). Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Largo, R. (2000) Kinderjahre. München: Piper.
  • Licht, B. (2007). Die Entwicklung des Konfliktverhaltens im Alter zwischen 8 und 22 Monaten. Universität Bern: Dissertation.