Meilensteine der Entwicklung

Grundlagen der Entwicklung. Entwicklungsschritte, Aufgaben und Krisen: Säuglinge – Kleinkinder – Kindergartenkinder – Schulkinder – Pubertät. Die Rolle des Geschlechts. Entwicklungsverzögerungen.

Grundlagen der Entwicklung
Von Geburt an entwickeln sich Kinder rasant und bis zum Erwachsenenalter sind Unmengen von Veränderungen nötig. Voraussetzung für eine gelingende Entwicklung ist, dass ein Kind möglichst gesund aufwachsen kann. Dazu benötigt es nicht nur genügend körperliche Nahrung und Pflege, es braucht auch einen Erlebensraum, in dem es seine Entwicklungsschritte machen kann. Körperliche Nähe, sowie aufmerksame und liebevolle Zuwendung von vertrauten Beziehungspersonen schaffen den Boden dazu. Im Erbgut sind körperliche und psychische Eigenschaften angelegt. Wie die Persönlichkeit sich genau herausformt, geschieht aus einer Wechselwirkung zwischen dem Ererbten (der Anlage), den Einwirkungen der Umwelt und den möglichen Erfahrungen. Der Mensch entwickelt sich lebenslang weiter, wenn auch im Erwachsenenalter nicht mehr so ausgeprägt wie als Kind.

Entwicklungsschritte, Aufgaben und Krisen
Kinder haben einen inneren Drang, sich zu entwickeln und selbständig zu werden, sie wollen sich und die Welt erkunden, sie wollen wachsen und sich Fähigkeiten und Wissen aneignen. Dies geschieht in Form von Entwicklungsschritten, welche prinzipiell bei allen Menschen ähnlich sind. Individuell dabei ist, wann und wie genau diese Schritte gemacht werden, welche äusseren und inneren Hindernisse ein Kind auf seinem Weg überwinden muss. Individuell ist überdies, wie es sich dabei fühlt oder verhält und wie seine Umgebung darauf reagiert. Die Entwicklung stellt jedes Kind vor immer neue Aufgaben, die es meistern muss, um seine Kompetenzen zu erweitern. Oft klappt der Schritt nicht beim ersten Mal, sondern muss erarbeitet werden. Um Gehen zu lernen, übt ein Kind unermüdlich sich aufzuziehen und zu stehen. Ohne diese «Vorübungen» wird es nie Gehen lernen und es braucht einige Monate dazu. Vielfach erscheinen Kinder vor einem neuen Entwicklungsschritt gelangweilt und unruhig und verhalten sich entsprechend anspruchsvoll. Während sie das Neue üben, müssen sie viele Frustrationen erdulden – zum Beispiel sind die Beine nicht stark genug, der Tisch hat eine schmerzhafte Kante oder die Mutter unterbricht die Übung. Ungeduld und Ärger mit sich selbst und mit der Umgebung sind die Folge. Vorübergehende, typische oder individuell gefärbte Krisen gehören zu jedem Entwicklungsschritt. Hat ein Kind diesen gemacht, wirkt es umso zufriedener mit sich selbst und der Umwelt.

Für die verschiedenen Altersstufen können folgende Entwicklungsaufgaben umschrieben werden:

Säuglinge (0 bis 1 Jahr)
Für Säuglinge ist es wichtig, dass sie lernen Nahrung gut aufzunehmen, den Schlaf- und Wachrhythmus zu stabilisieren und sich in Grob- und Feinmotorik (Greifen, Sitzen, Krabbeln, Stehen) zu üben. Daneben streben Säuglinge danach, intensive Beziehungen zu einzelnen Personen aufzubauen. Sie üben sich auch in der Kommunikation durch Töne, Mimik, Ausdruck und Gesten.

Kleinkinder (2 bis 3 Jahre)
Wichtige Schritte in diesem Alter sind das Erlernen der Sprache, das Erlangen der Reinlichkeit und das Einüben eines Bewegungsrepertoires. Zwei- bis Dreijährige entwickeln ein inneres Bild von sich selbst und Andern. Die Beziehung zu ihren Bezugspersonen ist geprägt von einem Wechsel aus Ablösung und Wiederannäherung. Durch Trotzen und andere Auseinandersetzungen mit dem Gegenüber entwickeln sie ihre eigene Persönlichkeit weiter und werden autonomer.

Kindergartenkinder (4 bis 6 Jahre)
Eine wichtige Aufgabe dieses Alters ist das Entwickeln der feinmotorischen Geschicklichkeit. Kinder in diesem Alter üben sich im Malen, Zeichnen, Basteln oder Schneiden. Auf der Ebene der Persönlichkeitsbildung bekommen sie nun ein klares Bild von sich selbst und verfestigen die eigene Geschlechtsidentität. Sie lernen sich in verschiedenen sozialen Gruppen zu bewegen und verinnerlichen eigene Normen und Werte. Sie erkennen nun, dass andere Personen andere Bedürfnisse oder Interessen haben und anders denken als sie selbst.

Schulkinder (7 bis 12 Jahre)
Zentrales Thema bei Schulkindern ist das Aneignen von Wissen aus den verschiedensten Bereichen. Kinder in diesem Alter haben einen inneren Drang dazu und bilden Fleiss, Ausdauer, Konzentration, Sorgfalt und Selbständigkeit aus. Daneben entwickeln sie in diesem Alter ihre Feinmotorik und den Gleichgewichtssinn weiter aus. Ihr Bewegungsdrang wird nun gezielt auch im Sport ausgelebt. Das innere Wertesystem von Schulkindern orientiert sich vornehmlich an Gleichheit, Gerechtigkeit, Regeln und Normen. Sie lernen, Kompromisse einzugehen. Der Aufbau des Kontakts zu Gleichaltrigen wird nun ganz wichtig.

Pubertät (13 bis 18 Jahre)
Die Entwicklungsaufgabe der Jugendlichen ist es, eine eigene Identität herauszubilden. Jugendliche lösen sich von den Eltern ab und suchen Gleichaltrige als Bezugspersonen. Sie müssen Veränderungen ihres Körpers akzeptieren und integrieren, sie beschäftigen sich mit Sexualität und sexueller Orientierung. Auch der Schulabschluss fällt in dieses Alter. Die Freizeit muss nun selbständig gestaltet werden, eine erste Berufswahl wird getroffen und die berufliche Ausbildung beginnt. Wichtiges Thema ist in der Pubertät auch die Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Kultur.

Die Rolle des Geschlechts
Mädchen und Knaben haben prinzipiell gleiche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, teilweise gestalten sich die Prozesse jedoch unterschiedlich und bei Krisen zeigen sich jeweils typische Verhaltensmuster. Wenn es ums Bewältigen von Herausforderungen geht, ist zu beobachten, dass Knaben eher dazu neigen, innere Schwierigkeiten nach aussen zu tragen. Sie machen Lärm, zeigen Widerstand und verhalten sich vorübergehend aggressiver. Ihre Schulleistungen werden schlechter. Mädchen dagegen werden bei Schwierigkeiten eher traurig und depressiv. Schulisch neigen Mädchen dazu, bei Problemen ihre Leistungen aufrechtzuerhalten und erst recht weiter zu funktionieren. Für die Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität sind für Mädchen wie für Knaben männliche und weibliche Bezugspersonen wichtig. In unserer Kultur sind Mütter und andere Frauen meist die Hauptbezugspersonen der Kinder. Knaben müssen deshalb mehr Ablösung leisten, um ihre Identität als Mann aufbauen zu können. Diese Tatsache dürfte dazu beitragen, dass Mädchen sich in der eher weiblich dominierten Welt der Kinder angepasster bewegen. Wenn sie erwachsen sind, wird dies auch ihre Welt sein können. Die Ablösungsschritte von der Mutter vollziehen Mädchen vornehmlich während ihrer Pubertät, Knaben beginnen damit bereits im Schulalter.

Entwicklungsverzögerungen
Es beunruhigt immer, wenn ein Kind erwartete Entwicklungsschritte nicht vollzieht. Als Eltern beginnt man zu zweifeln und sich zu fragen, ob das normal ist. Vielfach müssen Entwicklungsverzögerungen nicht beunruhigen, weil die Entwicklungsschritte nicht von allen Kindern im selben Alter gemacht werden und grosse Unterschiede möglich sind. Manchmal gibt es äussere Belastungen – etwa die Scheidung der Eltern oder einen Wohnungsumzug – die das Kind fordern und es für den Moment daran hindern, einen Entwicklungsschritt zu machen. Oft holt es diesen mit grossem Tempo nach, sobald die äussere Belastung geringer wird. Verzögerungen des Wachstums und der intellektuellen Entwicklung können im Allgemeinen eher wettgemacht werden als solche des Beziehungs- und des Sozialverhaltens. Entwicklungsschritte können aber nicht beliebig lange aufgeschoben werden. Je älter ein Kind wird und je länger seine Entwicklung verzögert ist, desto geringere Chancen hat es, alles Verpasste wieder aufzuholen. Bei Sorgen über die kindliche Entwicklung lohnt es sich deshalb, bald die Kinderärztin oder die Mütter- und Väterberatung um Rat zu fragen. Kinder, die tatsächlich Entwicklungsschwierigkeiten haben, können mit fachgerechter Unterstützung (Ergotherapie, Heilpädagogik etc.) grosse Fortschritte machen.

weiterführende Literatur:
  • Elternbriefe. Zürich: Pro Juventute.
  • Erikson, E.H. (1966): Identität und Lebenszyklus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp TB Verlag, 1. Auflage 1973.
  • Juul, J. (1996, Neuübersetzung 2000). Dein kompetentes Kind. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
  • Largo, R. (2007). Babyjahre. München: Piper.
  • Largo, R. (2000). Kinderjahre. München: Piper.
  • Largo, R. (2009). Schülerjahre. München: Piper.
  • Mahler et al. (1975). Die psychische Geburt des Menschen. Frankfurt a.M.: Fischer TB Verlag, 1. Auflage 1980.
  • Zeitschrift «undKinder» Nr. 83. Säuglinge – kompetent und bedürftig Zürich: MMI, 2009.