Zeit

Kindliches Verständnis von Zeit – Veränderungen im Laufe der Entwicklung. Schwieriges einordnen können. Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit zu planen. Zeit füreinander haben – Zeit miteinander verbringen.

Kindliches Verständnis von Zeit – Veränderungen im Laufe der Entwicklung
Kinder erleben die Zeit anders als Erwachsene. Je kleiner sie sind, desto mehr leben sie in der Gegenwart. Sie haben Mühe, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Kontinuum zu sehen. Deshalb erfahren kleine Kinder einzelne Erlebnisse stark. Unangenehmes wird schwer ertragbar, da kein Ende in Sicht ist. Freude wird ganz intensiv erlebt. Das Verständnis für den Ablauf der Zeit entwickelt sich in den ersten Kindheitsjahren. Zuerst unterscheiden Kinder Gegenwart und Vergangenheit. Sie können sich an Erlebnisse erinnern. Im Alter zwischen 3 und 4 können Kinder langsam zwischen gestern, morgen und nächster Woche unterscheiden. Die meisten Kinder lernen jedoch erst im Schulalter verlässlich unsere Zeiteinteilung – Uhrzeit, Tage, Wochen, Monate, Jahreszeiten – zu verwenden. Rituale wie das regelmässige Feiern von Anlässen, der Einbezug der Jahreszeiten in das Spiel mit dem Kind, Gespräche über Vergangenes oder das Betrachten von Fotos helfen dem Kind, einen Zeitbegriff zu erwerben.

Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit zum Planen
Das Orientieren in der Zeit ist wichtig für die Fähigkeit, sich konzentrieren zu können oder planend vorzugehen. Die Basis für die eigene Konzentrationsfähigkeit erleben kleine Kinder in den ersten Monaten ihres Lebens. Durch die Art und Weise, wie sich die Bezugsperson auf das Kind, auf seine Pflege oder auf ein Spiel mit ihm einlässt, erfährt ein Säugling, wie es sich anfühlt, wenn man ganz bei der Sache ist. Nach und nach wird dem Kind klar, dass Tätigkeiten «Zeit» brauchen und dass verschiedene Tätigkeiten hintereinander erledigt werden können. Auch fürs Aufschieben von etwas Schönem oder fürs Geduld haben benötigt das Kind ein Zeitverständnis. Erst dann heisst aufgeschoben nicht mehr aufgehoben. Die Erwachsenen helfen dem Kind, wenn sie ihre alltäglichen Pläne in Worte fassen: «Jetzt brauchen wir noch Milch, Eier und Mehl für die Omeletten zum Nachtessen, dann gehen wir zur Kasse. Den Heimweg machen wir schnell, meine Tasche ist schwer. Zuhause essen wir dann unser Zvieri.» Damit ein Kind in der Schule gut mitmachen kann, muss es erkennen können, dass es «Lern-» und «Spiel-» oder «Erholungszeiten» gibt. Je besser ein Kind also in der Zeit orientiert ist, desto besser gelingt es ihm auch, sich auf Anstrengendes oder nicht so Lustvolles einzulassen. Orientierung in Zeit und Raum, das Unterscheiden können zwischen Wichtigem und Unwichtigem ist auch eine Grundlage der Intelligenz. Kinder können entscheidend gefördert werden, wenn sie lernen, sich in ihrer Umwelt – zeitlich wie räumlich – sicher zu bewegen. Diese grundlegenden Fähigkeiten garantieren aber noch nicht, dass ein Kind sich im alltäglichen Leben wirklich konzentrieren kann. Dies hängt jeweils auch stark davon ab, ob ein Kind ausgeruht ist, ob es nicht gerade mit Konflikten und Problemen belastet ist oder ob es regelmässig genügend Bewegung, gesunde Nahrung und frische Luft bekommt.

Schwieriges einordnen können
Schwierige Erlebnisse, wie etwa der Umzug in eine fremde Umgebung, das Miterleben von Gewalt oder die Trennung der Eltern, lassen sich für ein Kind einfacher einordnen, wenn es einen Zeitbegriff hat. Es stärkt ein Kind und macht es resilient – d.h. widerstandsfähig – wenn es schwierige Erlebnisse in die eigene Biographie einordnen kann. Es kann auf diese Weise erkennen, dass gute Situationen und schwierigen Situationen zu ihm gehören und sich abwechseln. Es kann seine eigenen Bewältigungsmuster bei Problemen erkennen, seine Stärken würdigen und an Fehlern lernen. Indem ein Kind die Zeitdimension im Geschehen erkennt, kann es Schwieriges leichter verarbeiten.

Zeit füreinander haben – Zeit miteinander verbringen
Beziehung braucht Zeit. Dies gilt für Kinder in besonderem Masse. Gerade kleine Kinder benötigen viel Aufmerksamkeit von ihren Bezugspersonen. Sie binden sich an diejenigen Personen, welche ihnen verlässlich, vertrauenswürdig und verfügbar erscheinen. Dies muss nicht unbedingt (nur) die Mutter oder der Vater sein, es kommen alle Personen in Frage, welche dem Kind regelmässig zugewandte Zeit widmen. Kinder können zu mehreren Bezugspersonen eine tragfähige Bindung aufbauen. Um umsorgt und getröstet zu werden, sich geborgen zu fühlen, Vorbilder zu finden und von andern Menschen zu lernen, müssen Kinder mit ihren Bezugspersonen Zeit verbringen können. Einerseits ist das ganz normale Zusammenleben im Alltag bestimmend für eine Beziehung. Andererseits ist es auch wichtig, dass spezielle Erlebnisse und Gespräche zusammen möglich sind. Entwicklung und Lernen geschieht in einem sozialen Umfeld und im lebendigen Austausch mit anderen. Und zu guter Letzt braucht ein Kind auch Zeit um Konflikte auszutragen, sich streiten zu können und Grenzen zwischen sich und anderen auszuloten.

weiterführende Literatur:
  • Bowlby, J. (1975). Bindung. München: Kindler.
  • Keller, H. (Hrsg., 1998). Entwicklungspsychologie. Bern: Huber.
  • Largo, R. (2007). Babyjahre. München: Piper.
  • Largo, R. (2009). Schülerjahre. München: Piper.